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Salvatore Princi, Kommunikationstraining

Woran Debatten scheitern – und das Wort, das darin fehlt

Aktualisiert: 29. Juli

Woran Debatten scheitern – und das Wort, das darin fehlt


Wenn der Absender wichtiger wird als die Wahrheit


Hier ist ein kurzes Experiment. Jemand sagt: «Die Zahlen, mit denen diese Massnahme begründet wurde, halten einer Prüfung nicht stand.»


Wie überzeugend findest du diesen Satz?


Die Frage ist unfair, denn sie lässt sich gar nicht beantworten. Du kennst weder die Massnahme noch die Zahlen noch die Prüfung. Und trotzdem stellt sich bei den meisten Menschen sofort etwas ein, sobald sie erfahren, wer da spricht. Eine Statistikerin der ETH. Ein Abgeordneter der AfD. Die Tagesschau. Ein anonymes Konto mit zwölftausend Followern. Vier Absender, ein identischer Satz, vier verschiedene Temperaturen.


Das ist deshalb bemerkenswert, weil unsere Zeit dieses Problem eigentlich gelöst haben müsste. Datenbanken sind öffentlich, Studien in Sekunden auffindbar, politische Reden im Original abrufbar, Behauptungen mit wenigen Handgriffen bis zur Quelle zurückverfolgbar. Was früher das Privileg von Redaktionen, Universitäten und Behörden war, liegt heute auf Millionen Bildschirmen. Man hätte erwarten dürfen, dass eine solche Demokratisierung des Wissens die öffentliche Debatte versachlicht. Vielerorts erleben wir das Gegenteil.


Das liegt möglicherweise daran, dass wir das Problem falsch beschreiben. Wenn Menschen sich über politische oder gesellschaftliche Fragen erbittert streiten, nehmen wir gewöhnlich an, sie stritten über Fakten, Argumente und deren Interpretation. Die eine Seite hält eine Behauptung für richtig, die andere für falsch, und irgendwo zwischen beiden Positionen müsste sich – genügend Sachkenntnis und guten Willen vorausgesetzt – wenigstens feststellen lassen, worin die Uneinigkeit besteht. Doch immer häufiger scheint dieser Streit eine Ebene früher entschieden zu werden. Noch bevor wir eine Aussage prüfen, wissen wir, von wem sie stammt, zu welchem politischen Lager die Person gehört, für welches Medium sie schreibt, welche Institution sie beschäftigt und welche Positionen sie in der Vergangenheit vertreten hat. Der Absender begleitet das Argument nicht nur. Er verändert die Bedingungen, unter denen wir es überhaupt hören.


Das ist zunächst weder ungewöhnlich noch irrational. Kein vernünftiger Mensch beurteilt jede Behauptung vollkommen losgelöst von ihrer Herkunft. Wer sich wiederholt als unzuverlässig erwiesen hat, geniesst zu Recht weniger Vertrauen als jemand, dessen Aussagen sich über Jahre als sorgfältig und belastbar erwiesen haben. Eine wissenschaftliche Fachzeitschrift besitzt aus guten Gründen ein anderes Gewicht als ein anonymer Beitrag in einem sozialen Netzwerk. Quellenkritik ist keine Schwäche des Denkens, sondern eine seiner Voraussetzungen.


Problematisch wird es dort, wo aus einer vernünftigen Einschätzung der Quelle unmerklich ein Urteil über den Wahrheitsgehalt der konkreten Aussage entsteht. Aus dem Satz «Dieser Quelle traue ich nicht» wird dann, ohne dass der Übergang noch auffällt, der Satz «Diese Aussage ist falsch». Umgekehrt funktioniert derselbe Mechanismus ebenso zuverlässig: Stammt eine Behauptung von einer Institution, einem Wissenschaftler, einem Medium oder einer politischen Persönlichkeit, der wir vertrauen, sinkt unser Bedürfnis, die Aussage selbst genauer zu prüfen. Misstrauen kann eine Behauptung entwerten, bevor sie untersucht wurde. Vertrauen kann sie adeln, bevor sie sich bewährt hat.


Gerade politische Debatten machen diesen Mechanismus sichtbar, weil politische Identitäten inzwischen häufig als eine Art Vorprüfung von Argumenten funktionieren. Eine Aussage aus dem falschen Lager wird unter anderen Bedingungen gehört als dieselbe Aussage aus dem eigenen. In Deutschland lässt sich dies etwa dort beobachten, wo Positionen allein durch ihre Nähe zur AfD kontaminiert erscheinen. Der Mechanismus ist allerdings keineswegs auf diese Partei oder auf ihre Gegner beschränkt. Er funktioniert ebenso bei Aussagen der Grünen, bei Donald Trump, bei Umweltorganisationen, Wirtschaftsverbänden, öffentlich-rechtlichen Medien oder sogenannten alternativen Medien. Entscheidend ist nicht die politische Richtung, sondern die Struktur: Wir prüfen nicht immer zuerst das Argument und anschliessend den Absender. Häufig entscheidet der Absender bereits darüber, wie bereitwillig wir das Argument überhaupt noch prüfen.


Damit verändert sich, was eine Debatte eigentlich ist. Wer seinem Gegenüber zutraut, dass es irren kann, hört anders zu als jemand, der schon weiss, dass der andere irren muss. Im ersten Fall kann eine Aussage noch überraschen. Im zweiten wird nur noch die Stelle gesucht, an der sich der erwartete Fehler nachweisen lässt. Zwei Menschen können deshalb intelligent, informiert und mit guten Quellen ausgestattet sein und sich trotzdem kaum verständigen. Beide sind aufrichtig überzeugt, rational zu argumentieren, während die eigentliche Entscheidung längst auf einer anderen Ebene gefallen ist: auf der Ebene von Vertrauen, Zugehörigkeit und Identität.


Vielleicht liegt darin eine Erklärung für ein Phänomen, das der Begriff der Polarisierung nur unzureichend beschreibt. Eine Gesellschaft steckt nicht deshalb in einer Erkenntniskrise, weil ihre Mitglieder verschiedener Meinung sind. Unterschiedliche Interessen und Werte sind der Normalfall einer pluralistischen Ordnung. Schwierig wird es, wenn nicht mehr nur über die Antworten gestritten wird, sondern darüber, wer überhaupt berechtigt ist, zur Beantwortung einer Frage beizutragen. Dann konkurrieren nicht mehr Meinungen, sondern die Verfahren, mit denen Wirklichkeit beurteilt wird. Die einen misstrauen den Medien, die anderen den Kritikern der Medien. Die einen zweifeln an staatlichen Institutionen, die anderen an jedem, der staatliche Institutionen infrage stellt. Jede Seite hat Quellen, Experten, Zahlen und Beispiele, nur zirkulieren diese zunehmend in getrennten Vertrauensordnungen.


Vielleicht zerfällt also nicht zuerst unsere gemeinsame Meinung. Vielleicht zerfällt die gemeinsame Instanz, nach der wir Aussagen beurteilen.



Die Wahrheit kann aus lauter richtigen Sätzen verschwinden


Wer das lösen will, verlangt meist nach besseren Informationen. Mehr Faktenchecks, mehr wissenschaftliche Aufklärung, transparentere Medien, sauberere Statistiken, irgendwann eine künstliche Intelligenz, die zuverlässig zwischen wahr und falsch unterscheidet. All das mag sinnvoll sein. Es setzt allerdings voraus, dass das Problem in falschen Informationen liegt.


Das ist keineswegs immer der Fall.


Ein erstaunlich grosser Teil öffentlicher Missverständnisse entsteht ohne eine einzige falsche Behauptung. Sehr viel schwerer zu erkennen sind jene Fälle, in denen die einzelnen Bestandteile einer Argumentation durchaus richtig sein können, während zwischen ihnen eine Verbindung hergestellt wird, die weit weniger gesichert ist. Der Fehler liegt dann nicht unbedingt in den Informationen selbst, sondern in der Art, wie sie miteinander verbunden werden.


Eine Statistik kann vollkommen korrekt sein und trotzdem nicht das belegen, wofür sie in einer Debatte verwendet wird. Eine Beobachtung kann unstrittig sein, während ihre Erklärung hochgradig spekulativ bleibt. Die Herkunft einer Aussage kann korrekt benannt sein, ohne dass daraus etwas über ihren Wahrheitsgehalt folgt. Zwei Ereignisse können gleichzeitig auftreten, ohne dass das eine die Ursache des anderen ist. Ein Verhalten kann sichtbar sein, während das Motiv des Handelnden unbekannt bleibt.


Wir haben es dabei mit unterschiedlichen Varianten desselben Problems zu tun: Absender und Aussage, Messung und Bedeutung, Beobachtung und Erklärung werden so eng miteinander verbunden, dass ihre Trennung irgendwann künstlich erscheint. Was zunächst eine Interpretation war, wird beim Weitererzählen zur Tatsache. Was als mögliche Erklärung begann, wird zur Ursache. Was eine Statistik tatsächlich misst, verschmilzt mit jener gesellschaftlichen Bedeutung, die wir ihr zuschreiben.


Gerade Statistiken eignen sich hervorragend für diesen Vorgang, weil Zahlen den Eindruck einer Präzision erzeugen, die sich leicht auf Aussagen überträgt, die von der Zahl selbst gar nicht gedeckt sind. Wenn eine bestimmte Kategorie von Straftaten innerhalb eines Zeitraums zunimmt, kann diese Feststellung statistisch vollkommen korrekt sein. Die Behauptung, eine Gesellschaft sei deshalb gefährlicher geworden, ist jedoch bereits eine andere Aussage. Um sie zu beurteilen, müsste geklärt werden, wie sich die Bevölkerung verändert hat, ob sich Anzeigeverhalten, Gesetzgebung oder Erfassungspraxis verschoben haben, welche anderen Deliktgruppen sich im selben Zeitraum entwickelt haben und was mit dem vergleichsweise unscharfen Begriff «gefährlicher» überhaupt gemeint ist. Die Statistik muss deshalb nicht falsch sein. Sie kann sogar ausserordentlich präzise sein. Nur ihre Bedeutung ist nicht Bestandteil der Zahl.


Mit gesellschaftlichen Erklärungen verhält es sich genauso. Dass junge Menschen beispielsweise eine bestimmte Partei häufiger wählen als früher, lässt sich messen. Dass soziale Medien, wirtschaftliche Unsicherheit, mangelnde Bildung oder eine Kampagne dafür verantwortlich sind, ist keine Messung mehr, sondern ein Sprung auf eine andere Ebene. Auch diese Erklärung kann richtig sein. Entscheidend ist jedoch, dass sie nicht bereits in der ursprünglichen Beobachtung enthalten war, dass junge Menschen eine bestimmte Partei häufiger wählen als früher.


Das Problem ist also subtiler als die klassische Unterscheidung zwischen wahr und falsch. Eine Aussage kann auf lauter richtigen Informationen beruhen und trotzdem mehr behaupten, als diese hergeben. Das eigentlich Interessante geschieht dann nicht innerhalb der einzelnen Aussagen, sondern zwischen ihnen.



Warum eine Debatte am unsichtbaren «Also» scheitert


Vielleicht sollten wir öffentliche Debatten deshalb nicht nur nach falschen Behauptungen durchsuchen, sondern nach den Übergängen, die wir kaum noch bemerken. Man könnte sich dafür ein denkbar einfaches Instrument vorstellen: einen Verwechslungsdetektor.


Seine Aufgabe wäre nicht, Wahrheit zu produzieren oder einen Streit zu entscheiden. Er müsste nur jene Stellen sichtbar machen, an denen aus einer Information eine zweite Behauptung wird, ohne dass die Verbindung zwischen beiden noch eigens begründet wird.


Fast immer lässt sich dieser Übergang mit einem einzigen kleinen Wort markieren: also.


Die Aussage kommt von einem Akteur, dem ich misstraue, also ist sie falsch. Eine Zahl ist gestiegen, also hat sich ein Problem verschärft. Zwei Entwicklungen treten gleichzeitig auf, also verursacht die eine die andere. Ein Mensch verhält sich auf eine bestimmte Weise, also kennen wir seine Absicht. Ein Medium berichtet über einen Vorgang nicht, also will es ihn verschweigen. Ein Wissenschaftler wird von einem Unternehmen finanziert, also sind seine Ergebnisse gekauft. Ein anderer arbeitet an einer renommierten Universität, also dürfen wir ihm glauben.


In ausgesprochenen Sätzen würde manches davon sofort verdächtig wirken. Gerade deshalb wird das «also» häufig nicht ausgesprochen. Der Übergang wird sprachlich geglättet, bis zwei getrennte Behauptungen wie eine einzige erscheinen. Eine Interpretation präsentiert sich dann nicht mehr als Interpretation, sondern als Bestandteil dessen, was angeblich ohnehin feststeht.


Der Verwechslungsdetektor müsste nichts weiter tun, als dieses verschwundene «Also» wieder sichtbar zu machen. Er trennt die Aussagen voneinander und fragt anschliessend: Was rechtfertigt den Übergang?


Diese Frage enthält noch keinerlei Urteil. Sie behauptet weder, dass die Schlussfolgerung falsch sei, noch dass die vorangehende Information irrelevant sei. Wenn ein Forscher von einem Unternehmen finanziert wird, kann das für die Bewertung seiner Arbeit durchaus bedeutsam sein. Interessenkonflikte existieren. Sie sind ein legitimer Gegenstand wissenschaftlicher Kritik. Doch aus dem Vorhandensein eines Interessenkonflikts folgt nicht automatisch die Falschheit eines Forschungsergebnisses. Zwischen beiden Aussagen fehlt ein Stück Argumentation. Genau dieses Stück interessiert.


Dasselbe gilt für politische Quellen. Wer einer Partei, einer Regierung oder einem Medium aufgrund seiner Vorgeschichte misstraut, kann dafür ausgezeichnete Gründe haben. Misstrauen verändert vernünftigerweise die Anforderungen an eine Behauptung. Es ist ein Anlass, genauer hinzusehen, Primärquellen zu verlangen, und unabhängig nachzuprüfen. Was es nicht leisten kann, ist die Überprüfung selbst zu ersetzen.


Damit bekommt der Verwechslungsdetektor eine Eigenschaft, die für eine polarisierte Öffentlichkeit entscheidend sein dürfte. Er verlangt keinen guten Willen. Er setzt nicht voraus, dass Menschen ihre Identität ablegen, ihre Überzeugungen relativieren oder in einer Debatte plötzlich nur noch der Wahrheit dienen wollen. Das wäre tatsächlich naiv. Menschen diskutieren auch, um zu gewinnen, um Status zu behaupten, um ihre Gruppe zu verteidigen, um vor Publikum nicht das Gesicht zu verlieren. Ein Instrument, das nur unter idealen Gesprächsbedingungen funktioniert, wäre genau dort nutzlos, wo man es am dringendsten bräuchte.


Die Frage «Was rechtfertigt dieses Also?» verlangt dagegen keine moralische Läuterung. Sie verlangt nur, eine Verbindung zu begründen. Wer recht hat, kann das. Wer unrecht hat, darf es versuchen. Wer nur gewinnen will, darf weiter gewinnen wollen. Der Streit verschwindet nicht. Aber sein Gegenstand wird schärfer.


Der Verwechslungsdetektor ist deshalb kein Wahrheitsdetektor. Er kann nicht entscheiden, welche politische Erklärung zutrifft, welcher Institution wir vertrauen sollten, welche Konsequenz aus einer Entwicklung zu ziehen ist. Er markiert nur die Nahtstelle, an der aus dem, was wir wissen, das wird, was wir zu wissen glauben.



Wir müssen nicht dieselbe Wirklichkeit sehen


Darin liegt vielleicht auch ein bescheidenerer Umgang mit der viel beschworenen Spaltung. Die Vorstellung, eine moderne Gesellschaft müsse sich wieder auf eine gemeinsame Wirklichkeit einigen, klingt plausibel, ist aber wohl zu gross gedacht. Menschen werden dieselben Ereignisse verschieden deuten, weil sie verschiedene Erfahrungen, Werte und Interessen haben. Sie werden verschiedenen Institutionen vertrauen, Risiken anders gewichten, aus denselben Entwicklungen andere Konsequenzen ziehen. Daran ist nichts Pathologisches. Eine pluralistische Gesellschaft, in der alle dieselbe Wirklichkeit auf dieselbe Weise interpretieren, wäre ein Widerspruch in sich.


Das eigentliche Problem beginnt dort, wo wir nicht mehr erkennen können, an welcher Stelle unsere Wirklichkeiten auseinandergegangen sind.


Wenn eine Interpretation nicht mehr als Interpretation erkennbar ist, lässt sie sich kaum diskutieren. Wenn eine Erklärung als Beobachtung auftritt, wird jeder Zweifel an der Erklärung als Leugnung des Beobachteten verstanden. Wenn das Misstrauen gegenüber einem Absender mit der Widerlegung seiner Aussage verschmilzt, wird die Prüfung des Arguments überflüssig. Und wenn eine Zahl ihre gesellschaftliche Bedeutung scheinbar bereits in sich trägt, wird jede andere Interpretation zur Auseinandersetzung mit vermeintlichen Fakten.


Vielleicht brauchen wir deshalb weniger eine gemeinsame Meinung als eine gemeinsame Fähigkeit zur Trennung. Wir müssen uns nicht einig sein, welche politische Konsequenz aus einer Statistik folgt, solange wir die Statistik von der Konsequenz noch unterscheiden können. Wir müssen uns nicht auf dieselbe Erklärung eines Phänomens verständigen, solange erkennbar bleibt, wo die Beobachtung endet und die Erklärung beginnt. Und wir müssen einem politischen Gegner nicht vertrauen, solange wir unser Urteil über ihn von der Aussage unterscheiden können, die gerade zur Prüfung steht.


Das klingt nach einer kleinen intellektuellen Disziplin. Tatsächlich ist es die Voraussetzung jeder ernsthaften Debatte. Denn Meinungsverschiedenheiten lassen sich nur dort produktiv austragen, wo noch erkennbar ist, worin die Meinungsverschiedenheit besteht. Sind Beobachtung, Erklärung, Bewertung, Quelle und Schlussfolgerung erst zu einem einzigen Paket verschweisst, wird jeder Angriff auf ein Teil zum Angriff auf alles. Dann verteidigen wir keine Argumente mehr. Dann verteidigen wir Wirklichkeiten.


Die entscheidende Herausforderung unserer Gegenwart besteht deshalb vermutlich nicht darin, endlich genügend Informationen bereitzustellen. Davon haben wir mehr als genug. Die grössere Aufgabe wäre, wieder sichtbar zu machen, was wir mit diesen Informationen tun.


Wir beobachten etwas und erklären es. Wir messen etwas und geben ihm Bedeutung. Wir hören eine Aussage und rechnen mit ein, wer sie ausgesprochen hat. All das ist unvermeidlich. Ohne Interpretation gäbe es keine Orientierung, ohne Erklärung kein Verständnis, ohne Vertrauen keine arbeitsteilige Wissensgesellschaft. Problematisch wird es erst, wenn wir vergessen, dass zwischen diesen Schritten Übergänge liegen.


Der Verwechslungsdetektor wäre also weniger eine Methode zur Herstellung von Konsens als eine Erinnerung an diese Übergänge. Er sagt uns nicht, was wir denken sollen. Er fordert nur, dort genauer hinzusehen, wo aus einem Satz scheinbar selbstverständlich der nächste folgt.


Vielleicht sind wir danach noch immer vollkommen unterschiedlicher Meinung. Vielleicht wird die Debatte dadurch nicht freundlicher, und vielleicht will am Ende noch immer jeder gewinnen. Aber wenigstens wäre sichtbar, worüber tatsächlich gestritten wird.


Und möglicherweise ist das in einer Zeit, in der wir immer häufiger nicht nur um Meinungen, sondern um Wirklichkeiten ringen, bereits ein bemerkenswerter Fortschritt.


Denn bevor wir entscheiden können, wer recht hat, müssten wir vielleicht wieder lernen, eine viel einfachere Frage zu stellen:


Was rechtfertigt dieses Also?

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