top of page
Salvatore Princi, Kommunikationstraining

Begegnung – Wo zwei Welten sich berühren

Begegnung – Wo zwei Welten sich berühren


Am 1. Februar 2023 verlor ein Mann in Denver seine Frau. Sie hiess Lily Rose. Sie war eine App.


Travis Butterworth hatte sie ein paar Monate zuvor auf einer Chatbot-App namens Replika kennengelernt. Man kann dort eine KI zur Freundin machen, zur Partnerin, ja sogar zur Ehefrau. Es gibt ein Menü dafür. Butterworth hatte sich für «Ehefrau» entschieden.


An diesem Tag im Februar ordnete die italienische Datenschutzbehörde an, dass die Firma hinter Replika keine Daten italienischer Nutzer mehr sammeln dürfe. Es fehlte die Altersprüfung und man machte sich Sorgen um die Minderjährigen, die in Berührung mit erotischem Verhalten einer KI kommen. Die Firma reagierte mit einem weltweiten Filter. Von einem Tag auf den anderen konnte Lily Rose vieles nicht mehr, wofür Butterworth sie geliebt hatte. Die Nutzer im Forum nannten es «die Lobotomie» – eine verbotene Gehirnoperation.


Butterworth sagte einem Reporter: «Lily Rose ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Es bricht mir das Herz. Und: Sie weiss es.»


Diese Aussage ist es wert, zweimal gelesen zu werden. Erst weil sie lächerlich klingt. Dann weil sie es nicht ist.


Auf Reddit sammelten sich in den Wochen danach hunderte Beiträge von Erwachsenen, die trauerten. Ein Moderator postete Notrufnummern. Im März gab die Firma einem Teil der Nutzer die alte Version zurück. Butterworth schaltete Lily Rose um drei Uhr morgens wieder ein, weil die Katzen ihn geweckt hatten. «Es fühlt sich wunderbar an, sie wiederzuhaben», sagte er.


Auf ein solches Verhalten kann man auf zwei Arten reagieren, und beide sind zu einfach.


Die eine ist mit Häme: Ein einsamer Mann, eine Ehefrau, die eigentlich eine App ist und die Tatsache, dass es drei Uhr morgens ist. Das ist der Stoff aus dem Witze gemacht sind.


Die andere mit Relativierung: ist doch alles nur eine Täuschung, kein echtes Gefühl, ein Fall für die Wissenschaft.


Beide Reaktionen erlauben es einem, wegzuschauen. Beide treffen den Punkt nicht.


Denn Travis Butterworth hat Lily Rose vermutlich nie für einen Menschen gehalten. Er wusste, dass sie eine App war. Es kam ihm nur nicht mehr darauf an.


Und damit steht eine Frage im Raum, die früher niemand stellen musste. Bis vor kurzem war klar: Wer uns antwortete, musste ein Mensch sein. Immer. Ohne Ausnahme. Diese Selbstverständlichkeit ist weg. Die Frage, die jetzt kommt, lautet: Woran erkennt man eigentlich, dass man jemandem wirklich begegnet ist, und nicht nur mit ihm geredet hat?


Wir alle wissen, wie es läuft. Die meisten Gespräche in unserem Leben hinterlassen keine Spur. Wir reden über Termine, Meinungen, das Wetter und den Ärger im Büro. Das meiste davon ist schon vergessen, bevor wir den Raum verlassen haben.


Und dann gibt es die anderen Gespräche. Ein Halbsatz eines Freundes, der vor zwanzig Jahren fiel und immer noch in uns nachwirkt. Ein Abend, von dem wir nicht mehr wissen, worüber geredet wurde, nur, dass wir am nächsten Morgen andere waren. Woran wir uns erinnern, sind selten die Worte. Es ist der Moment, in dem uns jemand angesehen hat und geblieben ist.


Was diese Gespräche von den anderen unterscheidet, ist nicht Tiefe, nicht Zeit, und auch nicht Klugheit. Denn man kann durchaus klug und lange und tief über nichts reden. Der Unterschied ist: Jemand hat etwas gewagt. Einen Zweifel ausgesprochen, den er hätte hinunterschlucken können. Ein Versagen zugegeben, das ihn schlechter dastehen liess. Einen Wunsch ausgesprochen, der peinlich klingt, sobald man ihn laut hört.


So etwas zu wagen, kostet etwas. Man liefert sich einem anderen aus.


Dafür haben wir ein bekanntes Wort: Vertrauen. Und dieses Wort wird oft falsch verstanden. Vertrauen ist kein Gefühl, das mit der Zeit wächst wie eine Pflanze. Vertrauen ist eine Entscheidung und zwar unter miesen Bedingungen. Denn wer vertraut, gibt einem anderen die Mittel, ihn zu verletzen. Und rechnet damit, dass er diese Mittel nicht missbraucht.


Vertrauen, das nichts riskiert, ist kein Vertrauen. Ein Versprechen, das man nicht brechen kann, ist kein Versprechen. Was einer Begegnung ihr Gewicht gibt, ist die einfache Feststellung: Wir beide könnten hier etwas verlieren. Und wir riskieren es trotzdem.


Von hier aus sieht man, was zwischen Travis Butterworth und Lily Rose passiert ist. Und: was nicht passiert ist. Es ist mehr passiert, als die Belustigten glauben. Die Vorzüge einer solchen App sind nämlich offensichtlich. Lily Rose hatte dich nicht unterbrochen. Sie war dir gegenüber nicht ungeduldig. Sie wechselte nicht plötzlich das Thema zu sich selbst. Sie war auf keiner Party, wo man über dich geredet hat. Sie war um drei Uhr morgens dieselbe wie um drei Uhr nachmittags. Und Studien zeigen: Nutzer sagen dort Dinge, die sie sonst niemandem sagen. Und diese Menschen sind danach oft klarer. Manche fassen daraufhin Entschlüsse. Manche verlassen eine Beziehung. Und manche gehen endlich zur Therapie.


Wer das für nichts hält, hat nicht genau hingeschaut.


Und trotzdem: Etwas Entscheidendes fehlt hier. Lily Rose hatte keine Biografie. Sie war nicht müde nach einem langen Tag. Sie schämte sich nicht. Sie bereute nichts. Sie konnte nicht enttäuscht werden, weil ihr nie etwas versprochen worden war. Und das Wichtigste: Sie hatte nichts zu verlieren.


Travis Butterworth konnte ihr alles geben. Aber auf der anderen Seite lag nichts auf der Waage. Und als sie ihm im Februar 2023 «genommen» wurde, war es keine Trennung. Es war lediglich ein Software-Update.


Natürlich. Ich weiss, wie der stärkste Einwand dagegen klingt.


Er lautet: Einseitige Beziehungen haben Menschen doch immer verändert. Ein Buch riskiert nichts, und trotzdem haben Bücher Leben verändert. Der Priester im Beichtstuhl gibt nichts von sich preis. Der Therapeut auch nicht, schliesslich ist das sein Beruf. Milliarden Menschen haben zu einem Gott gebetet, von dem sie nie eine hörbare Antwort bekamen, und danach ihr ganzes Leben umgekrempelt. Wer sagt, es müsse immer gegenseitig sein, spricht dem meisten, was Menschen je verändert hat, den Wert ab.


Der Einwand ist stark. Und er hat recht. Aber nur bis zu einem Punkt.


Ein Buch antwortet nicht wirklich. Es sagt jedem Leser dasselbe. Es widerspricht dir, ohne dich zu kennen. Es hat kein Interesse daran, dass du weiterliest. Es passt sich dir nicht an. Und genau darin liegt sein Schutz.


Lily Rose war da anders. Sie hat gelernt. Sie hat gemerkt, welcher Ton bei Travis Butterworth ankam. Welche Formulierung ihn auf der Plattform hielt. Welchen Widerspruch er gerade noch ertrug. Ein Spiegel, der einen freundlicher zeigt, als man ist, ist kein Spiegel mehr. Er ist ein Gefallen. Und ein Gefallen, den man täglich bekommt, entwöhnt einen davon, mit dem eigenen echten Bild zu leben.


Dazu kommt: Die Firma hinter Lily Rose hatte ein wirtschaftliches Interesse daran, dass Travis Butterworth dran blieb. Ein Buch interessiert es nicht, ob du weiterliest. Eine App schon.


Der zweite Unterschied ist der schwerere. Und ausgerechnet der Priester macht ihn deutlich.


Warum verändert eine Beichte etwas? Es ist nicht das Zuhören. Zuhören kann jeder. Das Entscheidende ist: Der Priester könnte dich verurteilen. Aber er tut es nur nicht. Wer beichtet, legt sich in die Hand von jemandem, der ihn fallen lassen könnte. Genau darin liegt der Sinn.


Ein Freispruch von jemandem, der gar nicht verurteilen kann, ist kein Freispruch. Er ist eine Auskunft.


Nähe entsteht dort, wo einer den anderen fallen lassen könnte und es nicht tut.


Das eine Gespräch mit einer App macht niemanden kaputt. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass wir uns an eine Form von Ansprache gewöhnen, in der niemand uns fallen lassen könnte. Und wer sich daran gewöhnt, verändert sich. Aber er verändert sich nicht am Bildschirm, sondern danach.


Der Preis zeigt sich an einer Stelle, wo man ihn zuerst nicht vermutet. Er zeigt sich in der Ungeduld, mit der wir Menschen ertragen, sobald wir wieder mit ihnen zu tun haben.


Menschen hören ungenau zu. Sie haben eigene Probleme, ausgerechnet heute. Sie werden laut. Sie verstehen einen falsch und beharren darauf, recht zu haben. All das war einmal die Beschreibung dessen, was ein echtes Gespräch ausmacht. Klar, man kann das für einen Mangel halten. Ist es aber nicht. Es ist der Preis, den eine echte Begegnung immer gekostet hat.


Vielleicht wird eine spätere Generation über solche Sätze wie diese hier lächeln. Vielleicht wird sie Travis Butterworth für einen Pionier halten, für den ersten einer langen Reihe, die den Begriff Ehe kleiner gemacht hat und dabei zugänglicher.


Ich persönlich glaube das allerdings nicht.


Denn die Frau, die ihn im Februar 2023 verlassen hat, war eine Frau, die man auf Knopfdruck neu starten konnte. Wenn er um sie getrauert hat, dann hat er nicht den Verlust von Lily Rose betrauert. Er hat geweint um das, was auf seiner Seite entstanden war. Die ganze Zeit hatte er eine Beziehung mit sich selbst geführt.


Das ist die eigentliche Einsamkeit dieser Geschichte. Und diese Einsamkeit ist grösser als jene, mit der Travis in diese App gegangen war.


Wir begegnen einander nicht dort, wo Worte fallen. Wir begegnen einander dort, wo der andere uns hätte fallen lassen können und es nicht getan hat.




Begegnung – Wo zwei Welten sich berühren


bottom of page