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Salvatore Princi, Kommunikationstraining

Warum ich das Wort «Einordnen» vermeide

Warum ich das Wort «Einordnen» vermeide


«Der Mitarbeiter hat das Unternehmen verlassen.»


Mehr weiss man zunächst nicht. Es dauert selten lange, bis es mehr wird.


Die Personalabteilung sagt: Er wollte sich beruflich weiterentwickeln. Ein Kollege sagt: Er war doch seit Monaten unzufrieden. Jemand aus der zweiten Reihe sagt: Diese Kultur hat ihn zermürbt. Sein Vorgesetzter sagt: Er war der Belastung nicht gewachsen.


Vier Aussagen über denselben Vorgang. Möglicherweise stimmen alle vier. Sicher ist nur, dass jede woanders hinführt, und dass man nach der letzten kaum noch an die erste herankommt.


Für diesen Schritt gibt es ein sehr freundliches Wort. Es heisst: einordnen.


Man begegnet ihm überall: in Nachrichten, in Meetings, in Podcasts, und sogar unter Freunden. «Lass uns das kurz einordnen.» Kaum jemand bleibt daran hängen. Es klingt sachlich, hilfsbereit, ja fast fürsorglich. Dabei beantwortet eine Einordnung nie die Frage, was passiert ist. Sie beantwortet die Frage, was es für dich heissen soll.


Das ist ein entscheidender Unterschied.



Einige mögen sich da empören und einwenden: Eine Ärztin ordnet doch auch Symptome ein. Ein Richter ordnet Beweismittel ein. Eine Historikerin ordnet Quellen ein. Ohne diese Arbeit hätten wir Daten und sonst nichts. Wer verlangt, dass niemand mehr deutet, verlangt, dass ihm niemand mehr hilft. Einordnung ist kein Trick, sondern ein Beruf.


Interessant ist, was diese drei Fälle gemeinsam haben.


Die Ärztin liefert keine Einordnung, sondern eine Diagnose, die in der Akte steht. Der Richter schreibt ein Urteil, das begründet sein muss und angefochten werden kann. Die Historikerin vertritt eine These, die ihr Fach ihr nicht durchgehen lässt, wenn die Quellen sie nicht bestätigen.


Alle drei bleiben an ihre Deutung gebunden. Sie kann auf sie zurückfallen: als Approbation, die auf dem Spiel steht, als Revision, als Ruf in der eigenen Zunft. Wer sich irrt, merkt es nicht nur. Er bezahlt dafür einen Preis und trägt die Konsequenzen.


Deshalb reicht es nicht, dass jemand nur mit seinem Namen einordnet. In jeder Talkshow sitzen Menschen mit Namensschild, die nichts riskieren. Ihre Einordnung, bzw. ihre falsche Deutung von heute hält ihnen in vier Wochen niemand vor. Sie tragen durch ihre Einordnung keine Konsequenzen. Sie sind bloss sichtbar. Aber Sichtbarkeit ist noch keine Verbindlichkeit. Man kann durchaus jemandem folgen, ohne dass er recht hat, solange er für seinen Irrtum einsteht und bezahlt.


Wer sich die Freiheit nimmt, für andere einzuordnen, der soll auch adressierbar sein. «Das muss man einordnen.» Wer ist man? «Es ist wichtig, die Ereignisse richtig einzuordnen.» Richtig nach welchem Massstab? Solche Sätze treten auf, als beschrieben sie einen Vorgang, für den niemand zuständig ist. Widerspruch braucht aber ein Gegenüber, und genau das wird vermieden.


So verwandelt sich eine Deutung schnell in eine Tatsache. Solange die vier Aussagen über den ausgeschiedenen Mitarbeiter an ihren Sprechern hängen, sind es Aussagen von Menschen mit Interessen, und man kann sie entsprechend gewichten. Sobald sich eine davon durchsetzt und niemand mehr weiss, wer sie zuerst gesagt hat, ist die Aussage keine Deutung mehr. Es wird zu einem «So ist es».


Von da an wird auf dieser Aussage aufgebaut. Beförderungen, Besetzungen, der Umbau ganzer Abteilungen. Vieles davon ruht auf Aussagen, die nie jemand verteidigen musste, weil sie irgendwann aufgehört haben, nach Meinung zu klingen.


Damit kommen wir zum Teil, der wichtiger ist als die Sprachkritik.


Ist dann jemand kritisch und fragt nach: «Wer sagt das eigentlich?», so lernt man schnell, dass man dafür einen sozialen Preis zahlt. Wer eine solche Frage stellt, wird nämlich selten für aufmerksam gehalten. Er gilt eher als schwierig, als jemand, der relativiert, der es besser wissen will, ein Querulant, der die Sache unnötig kompliziert macht. In einer Runde, die sich auf eine Deutung geeinigt hat, ist eine solche Nachfrage kein Beitrag, sondern eine Störung.


Deshalb schützt sich eine absenderlose Deutung von selbst. Sie muss nicht verteidigt werden. Es genügt, dass jeder Anwesende versteht, dass es dich einen sozialen Preis kostet, die gegenwärtige Einordnung in Frage zu stellen. Und wer trotzdem fragt, wird gleich selbst eingeordnet.


Aber es gibt noch einen einfacheren Grund: Selbst zu denken verlangt, mehrere Möglichkeiten nebeneinander stehen zu lassen, ohne sich entscheiden zu müssen, manchmal über Wochen oder gar Monate. Eine fertige Deutung erlöst davon.


Ich habe aufgehört zu fragen, wie etwas einzuordnen sei. Stattdessen frage ich zuerst: Welcher Kontext fehlt mir noch? Das sucht kein Ergebnis, sondern ein grösseres Bild, und es lässt sich nicht in einem Satz beenden.


Und bei jeder Deutung, die etwas von mir will, da frage ich mich: Wer vertritt sie, und was müsste geschehen, damit derjenige sie zurücknimmt? Nach Beweisbarkeit zu fragen wäre zu streng, daran scheitert bei politischen Fragen auch das Vernünftige. Aber wer nicht sagen kann, was ihn umstimmen würde, hat keine Deutung. Er hat eine Position.


Und der Mitarbeiter?


Die ehrliche Aussage über ihn ist unspektakulär, deshalb macht sie kaum jemand. Sie lautet: Ich vermute, er ist wegen der Sache mit dem Projekt gegangen, sicher bin ich nicht, ich habe zuletzt vor einem Jahr mit ihm gesprochen.


Das ist alles, was mir fehlt. Nicht weniger Einordnung. Nur der eine Halbsatz, der zum Bild dazugehört. Aber sicher bin ich nicht.


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