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Die Illusion flacher Hierarchien – oder was Frauen und Männer voneinander wissen sollten.


Die Illusion flacher Hierarchien –oder was Frauen und Männer voneinander wissen sollten.

Die Machtkämpfe flacher Hierarchien.


In einer Arbeitswelt, in der flache Hierarchien immer mehr als Ideal gelten, herrscht oft die Annahme, dass weniger formale Machtunterschiede automatisch zu einer offeneren und gleichberechtigteren Kommunikation führen. Diese Sichtweise lässt jedoch eine entscheidende, häufig unausgesprochene Dimension menschlicher Interaktion ausser Acht.


Die Soziolinguistin Deborah Tannen hebt in ihrer Forschung die Unterschiede zwischen symmetrischer (horizontaler) und asymmetrischer (vertikaler) Kommunikation hervor. Diese Unterscheidung ist entscheidend für das Verständnis der Kommunikationsdynamiken in Unternehmen. Während horizontale Kommunikation auf Gleichheit und Zugehörigkeit abzielt, betont die vertikale Kommunikation Unterschiede in Status und Macht.


Das bedeutet: In flachen Hierarchien, trotz der Abschwächung formaler Machtstrukturen, bleiben die Herausforderungen von Missverständnissen und Konflikten bestehen. Das ist oft auf die impliziten, ungeschriebenen Regeln der Kommunikation zurückzuführen. Obwohl die offizielle Machtstruktur zwar minimiert sein mag, haben diese tief verwurzelten Kommunikationsstile weiterhin einen signifikanten Einfluss. Wenn sie unberücksichtigt bleiben, können sie zu bedeutenden Spannungen im Team führen, selbst in einem Umfeld, das nach aussen hin egalitär und offen erscheint.


So kann eine Person, die in ihrer Kommunikationsweise vertikal sozialisiert wurde, in einer horizontal orientierten Kultur an ihre Grenzen stossen, ohne zu verstehen, warum. Umgekehrt kann jedoch auch eine horizontal orientierte Person, die Gleichheit und Zugehörigkeit bevorzugt, auf Herausforderungen stossen, wenn sie mit jemandem aus der vertikalen Kommunikationskultur konfrontiert wird – auch in einem Umfeld, das sich selbst als nicht-hierarchisch versteht.


Diese subtilen, aber tief verwurzelten Kommunikationsmuster stellen eine bedeutende Herausforderung dar, die durch flache Hierarchiestrukturen allein nicht gelöst werden kann.



Der Schein trügt: Flache Strukturen, tiefe Konflikte.


Nun könnte man natürlich argumentieren, dass die Wahrscheinlichkeit, auf vertikal orientierte Personen (mehrheitlich männlichen Geschlechts), in einem solchen Umfeld zu treffen, eher gering ist. Diese Annahme basiert auf der Vorstellung, dass flache Hierarchien tendenziell offene, egalitäre Kommunikationsstile bevorzugen, die mit dem stereotypen Bild von Männern in traditionellen hierarchischen Rollen nicht übereinstimmen.


Mal abgesehen davon, dass eine solche Annahme an sich schon diskriminierend ist, wäre es ein Fehlschluss, davon auszugehen, dass hierarchisch geprägte Kommunikationsstile in solchen Umgebungen nicht existieren. Erstens ist die Kommunikationspräferenz eines Individuums nicht ausschliesslich durch sein Geschlecht oder seine bisherige berufliche Umgebung bestimmt. Und Zweitens können flache Hierarchien zwar formal etabliert sein, doch informelle Machtstrukturen und hierarchische Kommunikationsmuster können weiterhin bestehen. Diese entstehen durch persönliche Netzwerke, fachliche Expertise und erst recht durch das natürliche menschliche Bestreben, Einfluss auszuüben und Anerkennung zu finden.


Daher ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass auch in flachen Hierarchien vertikal orientierte Kommunikationsstile vorkommen, was die Notwendigkeit eines bewussten Umgangs mit diesen unterschiedlichen Stilen unterstreicht.



Reality-Check.

«In jeder Organisation gibt es zwei Organigramme: das offizielle und das wirkliche.» – Peter F. Drucker

Trotz der Annahme, dass flache Hierarchien zu einem offeneren und gleichmässigeren Kommunikationsfluss führen, offenbart die Realität oft eine andere Geschichte. Betrachten wir zum Beispiel einen erfahrenen Manager, der aus einer traditionell hierarchischen Organisation in ein Start-up mit flacher Hierarchie wechselt. Er könnte Schwierigkeiten haben, sich an die weniger formellen Kommunikationswege und die erwartete Mitwirkung aller Teammitglieder bei Entscheidungen anzupassen. Seine gewohnte Direktheit und Entscheidungsfindung könnte als autoritär oder sogar arrogant wahrgenommen werden, was zu Spannungen im Team führt.


Umgekehrt könnte ein junge Fachfrau, die in flachen Strukturen sozialisiert wurde, in einem Projekt mit einem vertikalen Kollegen aus einer traditionellen, hierarchischen Kultur anecken. Sie könnte die expliziten Anweisungen und die klare hierarchische Kommunikation des Kollegen als einschränkend oder übergriffig empfinden, was zu Missverständnissen und Frustration führt.


Solche Szenarien sind an der Tagesordnung und zeigen, wie wichtig es ist, sich der impliziten Machtstrukturen und der Vielfalt der Kommunikationsstile bewusst zu sein, die in jeder Organisation vorhanden sind, unabhängig von ihrer offiziellen Struktur. Es reicht nicht aus, einfach flache Hierarchien zu implementieren und zu erwarten, dass sich dadurch automatisch eine harmonische und effiziente Arbeitsumgebung entwickelt.



Die missverstandene Kampfzone der Geschlechter.


Die Herausforderungen, die sich aus dem Aufeinandertreffen von horizontalen (mehrheitlich weiblich) und vertikalen Kommunikationsstilen (mehrheitlich männlich) in Organisationen ergeben, sind vielschichtig und komplex. Horizontale Kommunikation, die sich durch Gleichheit und gemeinschaftliche Interaktion auszeichnet, fördert oft einen offenen und kollaborativen Ansatz. Mitarbeiter, die diesen Stil bevorzugen, neigen dazu, Entscheidungen durch Konsens zu treffen und Wert auf die Meinungen aller Teammitglieder zu legen. Vertikale Kommunikation hingegen ist geprägt von klaren Machtunterschieden und einer hierarchischen Struktur, in der Anweisungen und Entscheidungen typischerweise von oben nach unten weitergegeben werden.


Keiner dieser beiden Systeme ist dem anderen überlegen. Sie sind grundlegend unterschiedlich und je nach Situation und Kontext, ebenso unterschiedlich vorteilhaft oder aber nachteilig.


Ein Teammitglied, das an eine horizontale Kommunikation gewöhnt ist, könnte sich übergangen fühlen, wenn Entscheidungen ohne seine Mitwirkung getroffen werden, oder es könnte Schwierigkeiten haben, direkte Anweisungen zu akzeptieren, die ohne Raum für Diskussion oder Feedback gegeben werden. Andererseits könnte ein Vertreter des vertikalen Stils Frustration erleben, wenn er sich in langwierigen Diskussionen und Konsensfindungsprozessen wiederfindet, die aus seiner Sicht ineffizient sind.


Ein Beispiel aus der Praxis könnte ein Projektteam sein, das aus Mitgliedern mit unterschiedlichen Hintergründen und Kommunikationsstilen besteht. Wenn eine schnelle Entscheidung erforderlich ist, könnte ein hierarchisch orientiertes Teammitglied sofort eine klare Richtung vorgeben wollen, während ein Mitglied mit einer Präferenz für horizontale Kommunikation zuerst das Feedback des gesamten Teams einholen möchte. Diese Diskrepanz kann zu Spannungen führen, da sich beide Seiten missverstanden oder nicht wertgeschätzt fühlen.


Diese Herausforderungen erfordern ein hohes Mass an Bewusstsein und Anpassungsfähigkeit von allen Beteiligten. Moderne Führungskräfte – Frauen wie Männer – sollten darin geschult sein, ein Gleichgewicht zu finden, in dem unterschiedliche Kommunikationsstile respektiert und genutzt werden, um effektive und harmonische Arbeitsbeziehungen zu fördern. Dabei ist es wichtig, die Vorteile beider Stile zu erkennen und sie in einer Weise zu kombinieren, die die Stärken des Teams maximiert und die Wahrscheinlichkeit von Missverständnissen minimiert.



Die Rolle der Unternehmenskultur.

Die Unternehmenskultur spielt eine entscheidende Rolle dabei, wie Kommunikationsstile innerhalb einer Organisation geprägt und erlebt werden. Eine Kultur, die Vielfalt in Kommunikationsweisen nicht nur toleriert, sondern aktiv fördert und integriert, kann eine Brücke zwischen horizontalen und vertikalen Stilen bauen. Solch eine Kultur ermutigt Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, ihre individuellen Kommunikationsvorlieben zu erkennen und zu respektieren, was zu einem tieferen Verständnis und einer besseren Zusammenarbeit führt.


Eine Schlüsselkomponente hierbei ist das Entwickeln von Bewusstsein für diese unterschiedlichen Kommunikationskulturen. Schulungen und Workshops können helfen, das Verständnis für unterschiedliche Kommunikationsstile zu schärfen und ihre Auswirkungen auf die tägliche Zusammenarbeit aufzuzeigen. Wenn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die Hintergründe und Präferenzen ihrer Kollegen verstehen, können sie effektiver kommunizieren und Konflikte vermeiden oder konstruktiv lösen.


Hier setze ich mit meinen Assertica® Trainings an, das Frauen in Führungsrollen mit den Werkzeugen ausrüstet, um sich in der Arbeitswelt mehr Respekt und Anerkennung zu sichern – sei es gegenüber Vorgesetzten, Kollegen, Teammitgliedern oder Kunden. Die Teilnehmerinnen haben die Möglichkeit, persönliche Erfahrungen einzubringen und herausfordernde Berufssituationen zu simulieren.


Eine Unternehmenskultur, die auf Offenheit und Akzeptanz basiert, fördert ein Umfeld, in dem alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sich wertgeschätzt und verstanden fühlen. Das beinhaltet auch die Anerkennung, dass unterschiedliche Situationen unterschiedliche Kommunikationsansätze erfordern können. Denn Führungskräfte, die sowohl horizontale als auch vertikale Kommunikationsstile verstehen und anwenden, setzen ein starkes Signal und dienen als Vorbild für ihre Teams. Sie zeigen, dass Flexibilität in der Kommunikation nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert ist.



Altes Lied, neue Töne.


Stefan Kühl, Autor von «Wenn die Affen den Zoo regieren», schreibt in seinem Werk:

Die Forderung nach einer Enthierarchisierung von Organisationen findet sich bereits bei der Managementvordenkerin Mary Parker Follett (1941), die schon vor Jahrzehnten verlangte, dass die «vertikale Autorität» in Organisationen durch eine «horizontale Autorität» ersetzt werden solle.

Das zeigt, wie alt das Lied der flachen Hierarchie ist, das wir ständig spielen und uns immer wieder stets als Neuverpackung präsentiert wird. Es wird sich aber nichts Grundlegendes ändern, solange nicht die tieferen Ebenen der menschlichen Interaktion und Kommunikation verstanden und angegangen werden.


Diese Einsicht wirft ein Licht darauf, wie entscheidend es ist, nicht nur die Strukturen zu ändern, sondern auch die Art und Weise, wie wir innerhalb dieser Strukturen miteinander kommunizieren und interagieren. Die Herausforderungen und Lösungen, die in den vorherigen Abschnitten beschrieben wurden, sind nicht nur Schritte in Richtung eines besseren organisatorischen Kommunikationsklimas, sondern auch ein Weg, um die Lücke zwischen der alten Forderung nach Enthierarchisierung und der heutigen Realität zu schliessen.


Es wird deutlich, dass der Schlüssel zu einer erfolgreichen Umsetzung von flachen Hierarchien nicht allein in der Abschaffung traditioneller Machtstrukturen liegt, sondern vielmehr in der bewussten Gestaltung der Kommunikations- und Interaktionsweisen innerhalb dieser Strukturen. Indem Organisationen aktiv an der Entwicklung einer vielfältigen und verständnisvollen Kommunikationskultur arbeiten, können sie eine Umgebung schaffen, in der sowohl das Unternehmen als auch seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gedeihen können.



 

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