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Vom Altar zum Seminarraum: Wie Persönlichkeitsentwicklung unbewusste religiöse Bedürfnisse stillt.


Vom Altar zum Seminarraum: Wie Persönlichkeitsentwicklung unbewusste religiöse Bedürfnisse stillt.

Die Persönlichkeitsentwicklungsszene hat sich in den letzten Jahren als ein stetig wachsendes Milliardengeschäft etabliert. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass der globale Markt für Persönlichkeitsentwicklung bereits im Jahr 2022 einen Wert von etwa 43,77 Milliarden US-Dollar erreicht hat. Experten prognostizieren für diesen Markt eine jährliche Wachstumsrate von 5,5 %, was bedeutet, dass er bis zum Jahr 2030 auf 67,02 Milliarden US-Dollar anwachsen könnte.

 

Diese Zahlen enthüllen zwei wesentliche Einsichten: Die erste liegt auf der Hand, während die zweite eher etwas subtiler ist. Die erste Einsicht ist eine deutliche Botschaft: Falls du deine Berufung noch nicht gefunden hast und du Kohle machen willst, dann solltest du dir ernsthaft überlegen, in diese Branche einzusteigen.

 

Die zweite, etwas weniger offensichtliche Einsicht ist, dass es immer mehr «verlorene Schafe» gibt, bzw. «verirrte Schafe» – Menschen, die trotz der Fülle an Möglichkeiten, dem Komfort und zahlreichen Ressourcen, ihren Weg zu echter, tiefgreifender Veränderung und innerer Zufriedenheit, alleine nicht schaffen.

 

Wir leben in einer Welt, die sich rasant von den traditionellen Ankern der Religion löst, die jedoch eine neue Form der Sehnsucht entstehen lässt. Nicht eine Sehnsucht nach dem Göttlichen im herkömmlichen Sinn, sondern nach einem tieferen Verständnis des Selbst.

 

Persönlichkeitsentwicklung, einst ein Nischeninteresse für Selbsthilfeenthusiasten, hat sich zu einem massiven kulturellen Phänomen entwickelt, das offensichtlich mit der religiösen Suche nach Sinn und Zweck konkurriert.

 

Diese Verschiebung wirft provokante Fragen auf: Haben wir die alten Götter durch das Selbst ersetzt? Ist die unermüdliche Suche nach der besten Version unserer selbst zu einem modernen Ersatz für das Gebet geworden, einer neuen Form der Andacht, die in Selbstoptimierung statt in spiritueller Demut wurzelt? Entfernen wir uns von dem einen, nur um uns danach demselben auf eine andere Weise und in anderer Gestalt wieder zu nähern?

 

Ich will mal versuchen, in diese Fragen einzutauchen, die für so manchen Unbehagen hervorrufen und uns dazu zwingen, unsere tiefsten Überzeugungen über das, was es bedeutet, ein erfülltes Leben zu führen, zu überdenken.

 

Doch ich greife bereits etwas vor. Drehen wir das Rad der Zeit ein wenig zurück.

 

 

Wie meine erste Beichte zu meiner ersten Sünde wurde

 

Manche Dinge im Leben, die kann man sich nicht aussuchen. Dazu gehört die Familie, die Verwandtschaft, die Steuererklärung und auch der Glaube, mit dem man aufwächst. In meinem Fall wurde ich katholisch erzogen. Bei uns zuhause hing immer irgendwo ein Kruzifix an der Wand oder das Abbild eines Heiligen.

 

Religionsunterricht war damals Pflicht für mich. Doch von der ersten Stunde an, hatte ich gemischte Gefühle bei diesem Projekt. In meiner kindlichen Naivität dachte ich, wenn man für den lieben Gott zwischen Mathe und Geographie jede Woche eine Stunde im Lehrplan freihält, dann darf man das nicht unterschätzen, das muss ernst genommen werden. Vielleicht ist etwas dran an dieser Bibel. Also strengte ich mich an und machte gute Miene zum bösen Spiel.

 

Meine Beziehung zur Kirche verschlechterte sich jedoch auf dramatische Weise, als man mich für meine Erstkommunion vorbereitete. Ausschlaggebend war meine erste Beichte, die zum Pflichtprogramm im Ausbildungslager gehörte.

 

In einem winzig kleinen Raum, ohne Trennwand oder einen Vorhang, sass ich Face to Face mit dem Pfarrer. Zwischen uns nur ein mickriges Tischchen. Ich konnte förmlich seinen Atem riechen. Von oben musste das aussehen, wie zwei Typen, die auf einer Kloschüssel sitzen und Armwrestling betreiben.

 

Ich werde also aufgefordert zu beichten. Und da fing das Problem bereits an: Ich hatte nichts zu beichten. Ich meine, ich war 10 Jahre alt. Was soll ich da schon beichten – dass ich Mamas Weihnachtskeksen aus dem Schrank geklaut habe? Und das sagte ich dann auch so dem Pfarrer. Doch er fragte trotzdem weiter nach – nur für den Fall. Es hätte ja sein können, dass ich etwas Schlimmes verdränge, etwas, das meine Seele verunreinigt.

 

Ich jedoch versuchte ihm weiterhin klarzumachen, dass es wirklich nichts gäbe, was mir schlaflose Nächte bereite. Doch der Pfarrer schaltete auf stur und setzte eine böse Miene auf. Er insistierte und begann mir manipulative Fragen zu stellen, einfach um etwas aus mir rauszubekommen.

 

Das war keine Beichte, das war ein Verhör.

 

Ich anerkannte seine Autorität und versuchte seinen Unmut zu besänftigen. Also setzte ich dafür meine kindliche Phantasie ein und erfand irgendwelchen Scheiss, nur um ihn glücklich zu machen. Das Ergebnis dieses Verhörs: 5 Ave Marias und 10 Vater unser – auf Knien vor dem Kreuz beim Altar! Und als Kirsche oben drauf: Ich hatte meine erste echte Sünde begangen. Ich hatte einen Diener Gottes belogen.

 

Der Pfarrer entliess mich aus der Verhörzelle. Wie ein geprügelter Hund schlenderte ich in Richtung Altar zum Gekreuzigten. Ich kniete auf den Boden nieder und fing an, vor mich herzumurmeln. Und dann geschah ein Wunder. Nach dem dritten oder vielleicht vierten «Vater unser», hörte ich auf einmal eine sanfte Stimme in meinem linken Ohr flüstern. Ich weiss bis heute nicht, wessen Stimme das war – die vom lieben Gott, von Jesus, von meinem verstorbenen Grossvater oder einfach nur die Stimme meines Unterbewusstseins. Vermutlich war es mein Grossvater. Denn die Stimme, die ich hörte, sagte zu mir, «wenn ich an diesem Kreuz hängen würde, dann wäre das Letzte, was mich interessiert, dass jammernde Gebet eines 10-Jährigen, der soeben seinen Pfarrer nach Strich und Faden belogen hat.»

 

Woher auch immer diese Eingebung kam, sie wirkte auf heilsame Weise. Auf einmal spürte ich eine Leichtigkeit in mir, wie ich sie zuvor noch nie verspürt hatte. Es fühlte sich an wie eine Absolution, und so hörte ich umgehend auf, Busse zu tun. Ich erhob mich, klopfte mir den Staub von den Knien und verliess die Kirche.

 

 

Persönlichkeitsentwicklung und Religion – die Parallelen sind nicht zu übersehen


 

Ironischerweise arbeite ich heute als Trainer für Persönlichkeitsentwicklung. Technisch gesehen, macht mich das zu einem konfessionslosen Prediger. Der Unterschied ist tatsächlich nicht sehr gross, ausser vielleicht beim Outfit. Und lassen wir einmal die ganze Liturgie und Symbolik beiseite, so kann ein Vergleich zwischen Religion und Persönlichkeitsentwicklung hinsichtlich ihrer Ähnlichkeiten auf verschiedenen Ebenen erfolgen.

 

 

Der Klassiker: Die Suche nach Sinn und Zweck

 

Die meisten von uns haben keinen blassen Schimmer, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Selbst nach dem Schulabschluss, dem ersten Job oder nachdem wir uns erstes richtiges Geld verdient haben, wissen wir nicht wirklich, welcher Weg für uns sinnvoll ist. Zwischen 18 und 25 habe ich mehr Jobs gewechselt als mein CV vertragen kann. Und ich behaupte mal, die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass es dir dabei nicht viel anders ergeht.

 

Natürlich gibt es Menschen, die wissen ziemlich früh, was sie wollen und ziehen diesen Weg bis zum Lebensende durch. Doch das ist eine Minderheit. Und ob diese Minderheit damit glücklicher ist, sei mal dahin gestellt.

 

Als ehemaliger Job-Coach habe ich tausende Lebensläufe gesichtet, geprüft, korrigiert und neu gestaltet. Ich habe hunderte von Jobinterviews durchgeführt, um Leute vorzubereiten, ihren nächsten Traumjob zu landen. Diese Erfahrung hat mich einiges gelehrt. Alle diese Menschen, denen ich von Angesicht zu Angesicht gegenüber sass, so unterschiedlich sie auch gewesen sein mögen – vom Handwerker zum Akademiker, vom Sachbearbeiter zum CEO – alle waren sie sich in einer Sache gleich: Sie alle wollten auf ihre Weise einen Job, der ihrem Leben einen Sinn und Zweck gibt. Ja, auch diejenigen, die bloss den nächsten Job wollten, um Geld zu verdienen. Auch sie suchten trotz allem diesen Sinn und Zweck auf ihre ganz eigene Weise.

 

Die Frage nach einer sinnvollen Berufung ist, per Definition, eine religiöse Frage. Insbesondere, wenn man sich die Bedeutung des Wortes Religion vergegenwärtigt. Religion bedeutet Rückbindung. Anbindung an den Ursprung. Verbindung zur Quelle. Und der «Ruf» in der «Be-Ruf-ung» versucht an diesen Ursprung anzubinden.

 

Diese Suche nach Sinn und Zweck im Berufsleben reflektiert eine tiefere menschliche Sehnsucht, Teil von etwas Grösserem als dem eigenen Ich zu sein und einen Beitrag zu leisten, der über das Materielle hinausgeht. Es ist der Wunsch, das eigene Tun als bedeutungsvoll zu erleben und zu wissen, dass die eigene Arbeit einen positiven Einfluss auf die Welt oder zumindest das unmittelbare Umfeld hat. Diese Sehnsucht ist nicht nur eine Frage der persönlichen Zufriedenheit, sondern berührt auch Aspekte der Identität und der Lebensphilosophie.

 

In vielen religiösen Traditionen wird die Arbeit als eine Form des Dienstes betrachtet, nicht nur an der Gemeinschaft oder der Gesellschaft, sondern auch als ein Akt der Anbetung oder als Weg, die eigenen spirituellen oder ethischen Werte zum Ausdruck zu bringen. Die Idee, dass jede Arbeit, egal wie bescheiden oder alltäglich sie sein mag, eine tiefere Bedeutung haben kann, ist in vielen Kulturen und Glaubenssystemen verwurzelt.

 

Die moderne Persönlichkeitsentwicklung greift diese Thematik auf, indem sie Techniken und Perspektiven anbietet, die Menschen dabei helfen, ihre Leidenschaften und Stärken zu entdecken und diese in sinnvolle Karrierewege umzusetzen. Wir wollen nicht nur einen Job, der die Rechnungen bezahlt, sondern eine Berufung, die mit unseren eigenen Werten und dem Wunsch, einen positiven Beitrag zu leisten, in Einklang steht.

 

 

Das Navigationssystem: Werte und Leitlinien

 

Religionen stellen oft einen moralischen Kompass zur Verfügung, der angibt, was als gut und richtig angesehen wird. Einiges davon ist sicherlich völlig verpeilt, anderes hat sich über die Jahrtausende als nützlich erwiesen. Diese Richtlinien helfen Gläubigen, Entscheidungen im Einklang mit ihren Glaubensüberzeugungen zu treffen.

 

Doch das religiöse Konzept von «Lebenszweck» oder «Sinnsuche» ist für viele von uns ein zu abstraktes Konzept. Damit kommen wir eigentlich gar nicht zurecht, ohne dabei implizite Annahmen, Überzeugungen oder gar einen Glauben an etwas Höheres vorauszusetzen.

 

Eine alternative Betrachtungsweise wäre jedoch die folgende: Wir alle wissen, dass unsere Lebenszeit auf Erden begrenzt ist. Und in dieser Zeit findet der eine seine Erfüllung vielleicht bei der Playstation, während ein anderer sich darin verwirklicht, eine gemeinnützige Stiftung zu gründen. Mit anderen Worten: Wir verbringen unsere Lebenszeit mit Dingen, die manchmal wichtiger und manchmal weniger wichtig sind. Was uns zur eigentlichen Frage führt:


Was ist uns wichtig?

 

Das ist der springende Punkt an der ganzen Sache. Wenn wir uns nämlich fragen: «Was soll ich mit meinem Leben anfangen?» oder «Was ist mein Lebenszweck?» oder «Welchem Beruf soll ich nachgehen?», dann fragen wir in Wirklichkeit:

 

«Was kann ich mit meiner Zeit anfangen, das wichtig ist?»

 

Obschon diese Frage indirekt noch immer an das «Höhere» anbindet, so ist sie dennoch weniger abstrakt formuliert. Sie setzt weder eine Überzeugung noch einen Glauben voraus, weshalb sie sich auch viel pragmatischer beantworten lässt. Fragen erfordern Entscheidungen und Entscheidungen werden für uns nun mal einfacher, wenn die Fragen greifbarer sind.

 

Damit fördert die Persönlichkeitsentwicklung ebenfalls, wie Religionen, die Entwicklung von Werten und Prinzipien, die als Leitfaden für persönliches Wachstum und Entscheidungsfindung dienen. Dadurch streben Menschen danach, ihre beste Version zu werden, um möglichst viele wichtige Dinge zu tun, in der Zeit, die sie zur Verfügung haben – ohne zu wissen, wieviel Zeit das ist.

 

 

Die Community: Gemeinschaft und Zugehörigkeit

 

Menschen sind nicht dafür geschaffen alleine zu sein. Auch wenn der einsame Wolf einen gewissen Reiz verstreut, so ist es dennoch eine ziemlich grosse Illusion, zu glauben, dass man ohne die Verbindung zu anderen ein vollständig erfülltes Leben führen kann.

 

Tief in unserem Wesen liegt das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach dem Austausch von Gedanken und Emotionen, und nach der Unterstützung durch eine Gemeinschaft. Die Geschichte und Evolution der Menschheit bestätigen, dass Kooperation und soziale Bindungen nicht nur für das Überleben, sondern auch für das florierende menschliche Dasein entscheidend sind. Selbst in unserer modernen Welt, in der Individualismus und Unabhängigkeit hochgehalten werden, finden wir immer wieder zurück zu der grundlegenden Wahrheit, dass gemeinsame Erfahrungen, Liebe und Freundschaft das Salz in der Suppe unseres Lebens sind.

 

Menschen sind nun mal Herdentiere.

 

Die Bezeichnung «das verlorene Schaf» kommt nicht von ungefähr aus dem religiösen Kontext. Religionen schaffen oft starke Gemeinschaften, die auf gemeinsamen Glaubensüberzeugungen basieren. Diese Gemeinschaften bieten Unterstützung, Ermutigung und ein Gefühl der Zugehörigkeit (und selbstverständlich auch auch Abhängigkeiten.) Ähnlich arbeitet die Persönlichkeitsentwicklung, indem sie durch Gruppen, Workshops, formelle Coaching-Programme und Seminare Gemeinschaften bildet, die gegenseitige Unterstützung im Streben nach Wachstum fördern (was ebenfalls zu Abhängigkeiten führen kann).

 

In der Szene der Persönlichkeitsentwicklung sind vor allem jene Institutionen und Individuen besonders erfolgreich, denen es gelingt, eine Community aufzubauen. Aus rein wirtschaftlicher Sicht gilt: Keine Community, kein Stück vom grossen Kuchen. Community ist alles in der Religion. Community ist alles in der Persönlichkeitsentwicklung. Community ist der Kern, der sowohl Religion als auch Persönlichkeitsentwicklung zusammenhält, bzw. die Kassen klingeln lässt.

 

In beiden Sphären agiert die Gemeinschaft als ein Spiegel, der unsere Stärken und Schwächen reflektiert, und als ein Netz, das uns auffängt, wenn wir fallen. Sie bietet Orientierung, Inspiration und eine Plattform für den Austausch von Ideen und Erfahrungen.

 

Keiner von uns erreicht in seinem Leben seine Ziele, ohne die Unterstützung anderer Menschen. Diese tief verwurzelte Abhängigkeit unterstreicht eine universelle Wahrheit: dass unsere grössten Errungenschaften oft die sind, die wir gemeinsam erreichen. In beiden Kontexten – Religion und Persönlichkeitsentwicklung – ist die Gemeinschaft nicht nur ein Unterstützungsnetzwerk, sondern auch ein Katalysator, in dem Veränderung und Wachstum gedeihen.

 

Unsere individuellen Reisen mögen zwar einzigartig sein, die Wege jedoch, die wir beschreiten, werden von den Begegnungen, dem Beistand und der Weisheit jener, die mit uns gehen, geformt und bereichert.

 


Die Bedienungsanleitung: Methoden, Praktiken und Rituale



Die Bibel ist eine Bedienungsanleitung. Und das Wort «Bibel» bedeutet in der Übersetzung nichts anderes als eine «Ansammlung von Büchern». Die Bibel besteht in der Tat aus einer Vielzahl von Büchern, verfasst von verschiedenen Autoren. Im Alten Testament gibt es traditionell 39 Bücher. Das Neue Testament enthält 27 Bücher. Und angesichts der historischen Entwicklung der Texte ist es wahrscheinlich, dass die Bibel insgesamt von Dutzenden von Autoren verfasst wurde. Einige Schätzungen liegen zwischen 40 und 70.

 

Jeder dieser Autoren könnte heute vermutlich als Trainer in der Personal Development Szene tätig sein und von diesem Milliardengeschäft profitieren.

 

«Bibel» als Stichwort hat sich aber nicht nur als heiliges Buch im religiösen Sinne etabliert, sondern dient heute auch als Metapher für jegliche Werke, die grundlegende Wahrheiten und Prinzipien vermitteln, die unser Leben leiten und bereichern.

 

Für viele Selbstoptimierer ist beispielsweise Steven Coveys Buch «Die 7 Wege zur Effektivität» eine Bibel für persönlichen Wachstum. Robert Kiyosakis «Rich Dad Poor Dad» ist wiederum eine Bibel für jene, die sich dem Aufbau ihres Wohlstandes widmen. Und ganz bestimmt erachten viele Eckart Tolles Buch «The Power of Now» als ihre Bibel für Aufmerksamkeit und ein Leben im Hier und Jetzt.

 

Ob es sich um philosophische Texte, grundlegende wissenschaftliche Werke oder sogar um persönliche Manifeste handelt, die uns inspirieren und leiten – sie alle können als «Bibeln» in ihrem eigenen Recht betrachtet werden. Diese Entwicklung spiegelt unsere tiefgreifende Anerkennung für das Wissen und die Weisheit wider, die in diesen Texten bewahrt werden, und unterstreicht unseren ständigen Drang, Bedeutung und Verbindung in einer komplexen Welt zu finden.

 

Wie zuvor gesagt, wenn wir die ganze Liturgie und Symbolik mal beiseite lassen, dann erkennt man relativ schnell, dass viele Methoden und Praktiken aus dem religiösen Kontext, sich in der Persönlichkeitsentwicklung wiederfinden. Zugegeben, Persönlichkeitsentwicklung ist ein ziemlich grosser Schirmbegriff, aber das ist Religion auch. Und was sich auf der einen Seite bewährt hat, scheint sich auch auf der anderen Seite zu bewähren. Und das beginnt schon bei der Terminologie.

 

Als Trainer in der Persönlichkeitsentwicklung gebe ich Seminare. Das Wort Seminar stammt ursprünglich aus dem Lateinischen «seminarium» und leitet sich vom Wort «semen» ab, was Samen bedeutet. Diese Bezeichnung unterstreicht die Vorstellung, dass das Wissen oder die Kerninformation bereits in uns existiert und durch das Seminar lediglich entwickelt und zum Wachsen gebracht werden muss. Diese Perspektive betont die Rolle von Bildung und persönlicher Entwicklung nicht als das Einpflanzen völlig neuer Ideen, sondern als das Kultivieren und Entfalten von bereits vorhandenem Potenzial.

 

Die Bezeichnung «Seminar» wird heute sowohl für Institutionen zur Vorbereitung auf den geistlichen Stand als auch für wissenschaftliche Arbeit, Forschung an Hochschulinstituten, und in der Persönlichkeitsentwicklung verwendet.

 

Oder schauen wir uns doch nur mal den sonntäglichen Kirchenbesuch an. So öde ein frommer Kirchgang klingen mag, die Idee, sich einmal wöchentlich zu verpflichten, und sich eine Auszeit zu gönnen, um in die Reflexion zu gehen, ist in seinem ursprünglichen Gedanken gar nicht mal so falsch.

 

In einer Zeit, in der wir so gehetzt sind, dass wir es kaum schaffen, uns selbst eine regelmässige Pause zu gönnen, die es erlaubt, uns auch mit anderen Gedanken und Bedürfnissen zu beschäftigten als das ewig gleiche Kopfkino unserer Arbeitswelt, kann eine externe «Verpflichtung» zur Innenschau manchmal durchaus hilfreich sein.

 

Persönlichkeitsentwicklung macht ja im Grunde genommen auch nichts anderes. Im Sinne eines Committments fördert sie ebenso regelmässige Treffen, sei das nun in Form von Call In’s, Mastermindgruppen, Gruppen Coaching-Sessions, Fresh up’s und was es sonst noch alles gibt. Diese Treffen sind oftmals nötig, um aus dem gewohnten Alltagstrott rauszukommen und wieder an das anzuknüpfen (Religio!), was uns wirklich wichtig ist.

 

Die Analogie zwischen dem sonntäglichen Kirchenbesuch und regelmässigen Treffen in der Persönlichkeitsentwicklung unterstreicht, wie ähnliche Praktiken in beiden Bereichen zur Förderung von Reflexion und Gemeinschaftssinn eingesetzt werden.

 

Meditation, Aufmerksamkeitstraining, Fokustraining, Produktivität, Fasten, Affirmation, Kommunikation, strategisches Denken, Resilienztraining, Entscheidungsfindung, Gewohnheitsveränderung, und was es sonst noch alles im Universum der Persönlichkeitsentwicklung gibt, all das ist nicht neu. Das Rad ist noch immer dasselbe runde Rad. Alles, was in dieser Branche heute brauchbar ist, sich durchgesetzt hat und zu einer jährlichen Wachstumsrate von 5.5% beiträgt, hat sich bereits vor tausenden von Jahren bewährt. Die Verpackung, die Sprache, die Symbolik, die Botschaft, das Label und die Story mögen sich zwar ständig ändern, aber die Essenz ist stets gleich geblieben. Wir finden heute in den neuen Büchern dieser Branche nichts, was nicht schon anderswo vor unserer Zeit festgehalten wurde.

 

Ob es sich nun um die Bedienungsanleitung der Bibel selbst handelt, die 7 Wege zur Effektivität, Rich Dad Poor Dad, The Power of Now, oder von mir aus auch The Subtle Art of Not Giving a Fuck, und wie sie sonst noch alle heissen, jedes Werk liefert ein Nutzerversprechen. Die Bibel verspricht Erlösung, Tony Robbins und Co., bieten Strategien zur persönlichen Erfüllung.

 

Erlösung und Erfüllung bedingen sich gegenseitig. Es gibt keine Erfüllung ohne Erlösung. Es gibt keine Erlösung ohne Erfüllung. Etwas zu füllen und etwas zu lösen scheint sich zu widersprechen, aber in Wahrheit bilden sie eine Einheit. Dieses Wechselspiel zwischen Erlösung und Erfüllung unterstreicht die tiefe Verbindung zwischen persönlichem Wachstum und spiritueller Befreiung. In diesem Sinne fördert die Erlangung des einen Aspekts zwangsläufig auch den anderen, was eine harmonische Balance zwischen innerer Zufriedenheit und der Überwindung persönlicher oder spiritueller Hindernisse schafft.


Obschon unterschiedlich in ihrer Herangehensweise und Zielsetzung, ergänzen sich in ihrem Kernziel: der Verbesserung des menschlichen Zustands. Beide Perspektiven – die spirituelle und die pragmatische – haben funktionale Aspekte, indem sie Wege bieten, wie wir über unsere gegenwärtigen Begrenzungen hinauswachsen können.

 

Denn was wir am Ende alle gleichsam wollen, ist nicht einfach nur Erfüllung oder Erlösung, was wir wirklich wollen, ist Transformation.



 

 

Das Nutzerversprechen: Transformation und Erneuerung

 

Transformation ist das tieferliegende Ziel hinter unserer Suche nach Erfüllung und Erlösung. Wir wollen eine fundamentale Veränderung in unserem Sein, unserem Denken und Handeln erleben. Diese Sehnsucht nach Wandel treibt uns an, über unsere Grenzen hinauszuwachsen und neue Dimensionen unseres Selbst zu entdecken. Dabei ist der Prozess genauso wichtig wie das Ziel. Die Reise der Transformation ist eine fortwährende Entdeckung, die uns lehrt, resilient zu sein, uns anzupassen und aus Herausforderungen gestärkt hervorzugehen.

 

Religionen haben einen spirituellen Fokus und produzieren einen funktionalen Nebeneffekt. Persönlichkeitsentwicklung hat einen funktionalen Fokus und produziert einen spirituellen Nebeneffekt. Beide Welten sind nichts weiter als ein Gerüst, das in Form von Methoden, Praktiken oder Ritualen daher kommt. Alles ist Mittel zum Zweck – ein vorübergehendes Konstrukt auf dem Weg zur Vollendung. Doch sobald das Gerüst seine Aufgabe als Stütze erfüllt hat, muss es entfernt werden.

 

Wer aber sein Gerüst verwechselt, mit dem, was das Gerüst hervorbringen soll, ist womöglich das, was man eine «verlorene Seele» bezeichnet oder ein «verirrtes Schaf».

 

Was am Ende zählt, ist die Transformation, der fundamentale Wandel im Kern unseres Seins, und wenn das nicht ohne Gerüst für sich allein stehen kann, dann taugt es ohnehin nichts.

 

 

Der Coach oder der neue Messias: Führung und Mentorenschaft

 

Der Messias von damals ist der Coach von heute. Das ist keine Blasphemie. Das ist ein historischer Fakt. Denn damals wie heute, sehnten sich viele Menschen nach einem Führer, einer Leitfigur, die sie «befreien» könnte.

 

Die Bezeichnung «Messias» als Erlöserfigur war ein sehr verbreiteter Begriff für Personen, die beanspruchten, besondere spirituelle oder politische Erlösung zu bringen. In diesem historischen Kontext war «DER» Messias als einer unter vielen zu verstehen – ähnlich wie heute zahlreiche Coaches unterschiedlichste Lösungen und Wege zur persönlichen Entwicklung anbieten. Und Coaches spriessen wie die Pilze aus dem Boden.

 

Da kann man sich schon fragen, woran das wohl liegen mag.

 

Einerseits mag es durchaus daran liegen, dass es auf einmal so viele selbstlose Menschen gibt (Coaches), die sich nur noch einem Ziel widmen wollen, nämlich anderen Menschen zu helfen, ihre persönliche Transformation zu erreichen.

 

Andererseits aber werden gerade diese Bedürfnisse nach Erfüllung und Befreiung, von einigen missbraucht, weil man in erster Linie viel mehr daran interessiert ist, für sich selbst einen bestimmten Lifestyle anzustreben, den der Beruf des Coaches nun mal auf viele auszustrahlen scheint (was ich persönlich nicht so ganz nachvollziehen kann).

 

Oder aber, was viel wahrscheinlicher ist, dass das wachsende Interesse an Coaches und Mentoren die zunehmende Anerkennung unserer Bedürfnisse nach persönlicher Entwicklung, Führung und Unterstützung widerspiegelt. Weil es immer mehr «verirrte Schafe» gibt, die erkennen, dass die Hülle ihres Wohlstandes, des Komforts und der Exzess der täglichen Ablenkungen sie auf lange Sicht weder erfüllt noch befreit.

 

Und weil nun mal die Nachfrage noch immer das Angebot bestimmt, werden Menschen weiterhin aktiv nach neuen Wegen und Coaches suchen, um Orientierung, Inspiration und praktische Strategien für das Leben und die Karriere zu finden.

 

 

Im Kreislauf der Suche

 

Der Ouroboros ist ein antikes Symbol, das eine Schlange darstellt, die ihren eigenen Schwanz frisst. Es steht für Zyklen von Erneuerung und die ewige Rückkehr zum Ausgangspunkt. Dieses Symbol verdeutlicht, dass im Streben nach Einzigartigkeit und Differenzierung die Ironie liegt, dass man oft unbewusst bekannte Muster wiederholt und in den Zustand zurückfällt, den man zu überwinden suchte.

 

Viele sind es sich leid, ein Symbol anzubeten und glauben gerade dadurch, sich modern und etwas fortschrittlicher zu geben. Aber machen wir uns nichts vor. Wir bewegen uns noch immer in den gleichen konzentrischen Kreisen, wie vor tausenden von Jahren. Wir suchen weiterhin und noch immer nach Sinn und Zweck. Wir sehnen uns nach Werten und Richtlinien. Wir wollen Teil einer Community sein. Wir vollziehen noch immer Praktiken und Rituale. Und jeder hat seine ganz eigene Bibel stets griffbereit. Am Ende wollen wir alle den Sprung von der Larve zum Schmetterling schaffen. Weshalb jeder sich nach einer gewissen Führung, einem Vorbild und einer Leitfigur sehnt, die für uns diesen Sprung vereinfachen soll.

 

Das Branding und das Storytelling mögen sich ständig ändern, aber das Spiel, das wir alle spielen, ist noch immer dasselbe geblieben.

 

Was uns alle verbindet, sind die Fragen, die wir haben. Was uns oftmals trennt, sind die Antworten auf diese Fragen. Auf den ersten Blick scheinen Persönlichkeitsentwicklung und Religion Welten voneinander entfernt, doch in Wahrheit teilen sie eine gemeinsame Essenz. Ihre bewährten Methoden wurzeln tief in den Lehren verschiedener Glaubensrichtungen und philosophischer Strömungen. Obgleich sich die Wege unterscheiden, verfolgen sie doch alle das Ziel, Wohlbefinden zu fördern, ein erfülltes Leben zu gestalten und nach Sinn zu suchen. Sie bieten Strukturen und Gemeinschaften und unabhängig davon, ob wir uns im Licht alter Zeremonien oder in den Räumen moderner Seminare versammeln, suchen wir stets dasselbe: Verbindung, Erkenntnis und Transformation.

 

Und so erinnert uns der Ouroboros an den ewigen Kreislauf von Ende und Neuanfang, an die Erkenntnis, dass obwohl die Formen sich wandeln, das grundlegende Streben unverändert bleibt. In diesem Sinne sind Persönlichkeitsentwicklung und Spiritualität zwei Seiten derselben Münze – Wege, die uns lehren, uns selbst zu erkennen und ein Leben zu leben, das für uns und andere lebenswert ist.


Amen.

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