Warum Fledermäuse der Frauenquote das Leben erschweren.

Jan 11, 2022

Seit ich nichts mehr auf der Plattform LinkedIn poste, habe ich mehr Zeit zu lesen, was andere schreiben. Insbesondere Themen wie #Frauenquote bieten lebhafte Diskussionen an, die ich sehr gerne interessiert verfolge. So, wie bei diesem Beitrag, den ich gerade vor mir lese:

«Weil es nach Leistung geht und nicht nach Geschlechtsmerkmalen. 
Ganz schön sexistisch. Aber damit verdienst im Kern kein Geld.»

Wenn ich mich so durch die Kommentare dieses Posts scrolle, scheint sich das Muster gewisser Meinungen, Überzeugungen und Aussagen durchgehend zu wiederholen. Das immer gleiche Mantra wird wieder und wieder durchgekaut. 

Es fallen Parolen über Gleichberechtigung, Frauenquote, Lohnungleichheit, Diskriminierung, Emanzipation und anderen Schlagwörtern. Bei manchen Kommentaren kann man durchaus Schmunzeln, bei anderen ist man geneigt, schweigend zu nicken, bei wiederum anderen stehen einem die Haare zu Berge, sowohl auf Seiten der Frauen wie auch Männer.

Ich verzichte auf einen eigenen Kommentar. 

Stattdessen schreibe ich diesen Blogpost hier und reflektiere kurz darüber, welche zwei kapitale Fehlannahmen aus meiner Sicht, bei dieser Debatte zu ganz bizzaren Missverständnissen führen: 

Fehlannahme #1:
Einzig Kompetenz und Leistung sind für eine bestimmte Position ausschlaggebend.

Die Frauenquote im Dax stieg im vergangen Jahr auf 17,8 Prozent - ein neuer Rekord. Wer mag, darf an dieser Stelle gerne applaudieren. Für Trompeten und Posaunen hingegen ist es noch etwas zu früh. 

Bei dem zuvor erwähnten Post lese ich den folgenden Kommentar einer weiblichen Führungskraft: « … es sollten lieber die Qualifizierten die Stelle besetzen, statt Quoten festzusetzen und sie dadurch zu besetzen …»

Ein Mann schreibt: « … das Geschlecht darf bei der Besetzung einer Position keine Rolle spielen. Keine Rolle heisst aber eben auch, dass weder Männer noch Frauen bevorzugt werden, sondern Leistung, Talent und ggf. weitere individuelle Qualitäten über die Auswahl entscheiden.»

Und eine Frau, die eine gewisse Prominenz geniesst, schreibt in der gleichen Diskussion: «Das Leistungsprinzip sollte gelten und keine Quoten.  … Und in dem ich mich für das Leistungsprinzip und nicht Quoten einsetze, halte ich mich dennoch für eine kluge Frau.

Würden all diese Aussagen tatsächlich zutreffen, dann hätten wir ja bereits jetzt entschieden mehr Frauen in wichtigen Führungsgremien. Und ganz viele Männer müssten umgehend das Feld räumen.

Es ist nachvollziehbar, dass viele Frauen eine Quotenregelung gar nicht wollen. Wer will schliesslich die «Quotenfrau» sein? In einem männlich dominierten Umfeld flösst das nicht unbedingt Respekt ein.

Grundsätzlich ist nichts gegen eine Frauenquote einzuwenden. Doch wenn es um Durchsetzungsfähigkeit geht, ist sie nicht wirklich entscheidend. Auch nicht die Kompetenz oder Leistungsausweise sind da wirklich entscheidend. Es ist nach meiner Erfahrung völlig unwichtig, warum jemand eine entsprechende Position innehat. Den Ausschlag gibt einzig und alleine, wie sich die Person in dieser Position verhält und ob sie mit der Kommunikation der dort angesiedelten Leute klarkommt. 

Dass Männer anders ticken als Frauen und umgekehrt, dass haben mittlerweile alle kapiert. Doch was das für die Kommunikation dieser beiden Geschlechter tatsächlich bedeutet, dass ist nach meiner Beobachtung den meisten nicht wirklich bewusst.

Darüber wird in dieser Debatte kaum geredet, wenn überhaupt nur oberflächlich. 

Es wird einfach unterschätzt, was es für eine Frau bedeutet, in eine Horde von Männern geworfen zu werden, die eine machtbetonte, vertikale Kommunikationskultur pflegt. Trifft ein horizontales Sprachsystem auf ein vertikales, dann sind Ungerechtigkeiten, Missverständnisse und Kollateralschäden vorprogrammiert (mehr zu horizontale u. vertikale Kommunikation siehe hier).

Um gegen diese Ungerechtigkeiten vorzugehen, ist weder eine Quotenregelung, Qualifikation noch ein besonderer Leistungsausweis entscheidend. Solange sich Mann und Frau nicht ernsthaft mit diesen beiden Kommunikationssystemen auseinandersetzen, werden sie sich gegenseitig mit Steinen bewerfen. Die Missverständnisse, die ein Unwissen dieser beider Systeme hervorbringt, ist schlicht weg unfair. Die Leidtragenden sind dabei hauptsächlich weibliche horizontale Führungskräfte.

Aus diesem Grund erwarte ich von einer modernen Führungskraft – weiblich wie männlich – dass sie «zweisprachig» aufgestellt ist. Sie sollte sich in einer vertikalen Sprachkultur genauso gut auskennen, wie in einer horizontalen, um zu wissen, was im entscheidenden Moment zu tun ist.  

Ohne die Beherrschung dieser beiden Sprachen, werden wir immer wieder das gleiche Mantra durchkauen. Nämlich: Die automatische Annahme, dass auf allen wichtigen Posten dieser Welt nur hochqualifizierte Personen sitzen.

Das ist absoluter Schwachsinn.

Liebe Frauen: Solange noch ein unqualifizierter Mann einen wichtigen Posten inne hat, solange sollten Frauen sich gar nicht erst auf eine Diskussion von Kompetenz und Qualifikation einlassen. 

Jeder, der behauptet, es genüge einfach nur kompetent und qualifiziert zu sein für eine Position, ignoriert die enorme Tragweite und Konsequenz, die die Unterschiede dieser beiden Sprachsysteme mit sich bringen. 

Hier zeigen sich Frauen und Männer allerdings gleichermassen etwas verhaltensgestört. Das vor allem deswegen, weil sie die eigene Sprache, die sie selber zugehörig und gewohnt sind, automatisch für moralisch höher werten als die «Fremdsprache» des anderen Geschlechts.

 

Doch in Tat und Wahrheit sind sie beide Sprachen einander fremd.  So wie in Schweden Schwedisch und in Spanien Spanisch geredet wird, wird in einer männerdominierten Kultur vertikal und in einer frauendominierten Kultur horizontal geredet. Zwei völlig unterschiedliche Fremdsprachen.

Aber keiner, der sich in Schweden aufhält, wäre dieser Tatsache überrascht, dass dort die Leute Schwedisch sprechen. Und keiner, der in Spanien verweilt, würde von den dort Ansässigen verlangen, dass diese sich mit mir nun gefälligst auf einmal in meiner Sprache unterhalten sollen. Das wäre ja völliger Irrsinn.

 

Aber genau diesen Irrsinn betreiben die meisten von uns, wenn es um die Kommunikation zwischen Mann und Frau geht. Dann ignorieren wir genau diesen Umstand. Es ist völliger Irrsinn zu glauben, dass es ausreicht, kompetent und qualifiziert zu sein. Den unter diesem «fremdsprachlichen» Aspekt, tut es das nämlich überhaupt nicht. 

In einem mir fremden Sprachmilieu komme ich nur dann einigermassen zurecht, wenn ich mir ein Minimum eines Vokabulars der jeweiligen Sprache zurechtgelegt habe. Wenn ich mich ein wenig mit der dort ansässigen Verhaltens- und Sprachkultur auseinandergesetzt habe. 

 

Wenn eine Quotenregelung tatsächlich etwas bringen soll, dann müssen Frauen tatsächlich mehr lernen, besser mit vertikalen Strömungen umzugehen. Insbesondere, wenn sie sich gegenüber Männern in der Minderheit befinden. 

Denn solange das Klima «vertikal» geprägt ist, solange wäre man im Sinne des Selbstschutzes gut damit beraten, sich mit dieser vertikalen Sprache ein wenig auszukennen. Es ist ziemlich naiv gedacht, zu glauben, dass sich dieses vertikale Sprachklima einfach nur deswegen ändert, weil jetzt alle «Diversity» schreien.

Hier kann Quotenregelung tatsächlich vielleicht helfen. 

In dem genügend Frauen nachgezogen werden, kann ein bestehendes, vertikal geprägtes Klima horizontal etwas besser durchmischt werden. Aber damit das auch wirklich gelingt und diese Nachhut weiblicher Führungskräfte kommt und vor allem auch Lust hat zu bleiben, müssen ein paar Frauen Pionierarbeit leisten und lange genug die Stellung halten.

Doch so lange die eine oder andere weibliche Führungskraft diesen fremdsprachlichen Umstand einfach unter den Teppich wischt, erwächst daraus ein weiteres, sehr gefährliches Missverständnis:

 

Fehlannahme #2: 
Frauen sollten sich mehr zutrauen.

Ich scrolle noch immer durch die Kommentare dieses Posts. Manche Individuen nutzen ja solche Gelegenheiten gerne, um auf sich selber aufmerksam zu machen. So wie diese Frau hier, die auf dem Kommentarfeld Werbung in eigener Sache macht und unbedingt betonen muss, dass sie Frauen in TOP-Führungspositionen unterstützt (auch politisch).

Zum Stichwort «Qualifizierung» beruft sie sich auf eine statistisch belegte Tatsache, dass die Frauen gegenüber Männern diesbezüglich die Nase ohnehin schon lange vorne haben. Aber – und auch das muss sie mit einem Ausrufezeichen bekräftigen – dass die meisten Frauen sich viel zu wenig zutrauen und sie sich unter Wert verkaufen.

Auf den ersten Blick mag sie mit dieser Aussage recht haben. Auch ich höre von meinen Kundinnen Sachen wie: Kann ich mich denn für diese Position tatsächlich bewerben? Reichen meine Ausbildungen dafür? Bin ich wirklich gut genug? Kann ich mich denn dort auch wirklich durchsetzen? 

Die Frage ist doch: Was meinen wir damit, dass eine Frau sich mehr zutrauen soll? Das scheint nämlich nicht immer so ganz klar zu sein, wenn man da mal anfängt etwas nachzubohren.

Dieses vermeintlich mangelnde Selbstbewusstsein, basiert auf einer falschen Annahme.

Horizontale, weibliche Führungskräfte verwechseln gerne mal politisches Gewicht mit Kompetenz und Qualifikation. Doch das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Zumindest nicht in einer vertikalen Welt.

Wer sich ein wenig mit vertikaler Sprachkultur auskennt, weiss, dass dort, wenn es um politisches Gewicht geht, Kompetenz und Qualifikation interessanterweise kaum zählen. Da sind andere Faktoren ausschlaggebend. Faktoren, die einer horizontal kommunizierenden Person völlig fremd und bizarr erscheinen. 

Wenn zwei Leute, die vertikal kommunizieren, in einem Büro oder Meeting lautstark und aggressiv über ein bestimmtes Thema streiten und sich vehement gegenseitig bekämpfen, um nur kurze Zeit später ganz locker und entspannt, ja geradezu auf freundschaftliche Weise wieder miteinander umgehen, so stellt das bereits für viele Frauen ein grosses Rätsel dar. 

Für jemand, der diese Rituale nicht gewohnt ist, erscheint das wie ein absurdes Theater. Gerade wegen diesem Kontrast von Aggressivität und anschliessender freundschaftlicher Versöhnung.

Diese spielerisch-oberflächliche Aggression ist ein ritueller Kampf.

Viele Männer - übrigens auch hochgebildete Männer - sehen solche Auseinandersetzungen eher als ergebnisoffene Forschungsreise an, die nach ganz eigenen Spielregeln funktioniert.

«PÄNG, PÄNG, PÄNG». 

Man(n) schiesst mit Platzpatronen in die Luft und schaut, wer zuerst aus dem Fenster springt. 

In der Praxis sieht das dann so aus: Ein vertikaler Mann stellt seine Idee mit grösstmöglicher Sicherheit, Überzeugung und Absolutheit in den Raum und wartet mal ab, um zu sehen, ob ihn jemand herausfordert. Wird dieser gezwungen, seine Idee zu verteidigen, ergibt sich für ihn dadurch die Gelegenheit diese Idee auszutesten.

Hier drängt sich der Vergleich mit der Kommunikation von Fledermäusen auf. Denn die orientieren sich im Flug alleine mittels Schall, weil sie fast blind fliegen. Sie stossen ein Signal aus und erst, wenn dieses Signal verändert zurückkommt, wissen sie Bescheid: Oh, da ist was. Ein Hindernis. Da bewegt sich was. Also besser nicht in diese Richtung weiterfliegen. Vielleicht ist es gescheiter hier abzubiegen. 

Aber wenn NICHTS zurückkommt, ist die Fledermaus hilflos. Sie kreist in der Luft umher, bis sie von irgendwo ein Echo bekommt. Erst dann, wenn dieses Echo tatsächlich zurückkommt, egal welches Echo, ist die Fledermaus wieder in Sicherheit. 

Wenn also diese vertikalen Männer ihre Ideen, Thesen und Behauptungen in die Runde stellen, so brauchen sie irgend eine Art von Echo, eine Reaktion. Und die muss nicht einmal besonders geistreich sein. Selbst eine Ablehnung ist hilfreich. Aber wenn da gar nichts kommt, nichts, dass sie als mögliche Antwort identifizieren können, kommen sie nicht weiter. 

Bei diesem vertikalen Verhaltensmuster à la Fledermaus handelt es sich weniger um eine Frage von besonderer Kompetenz und Qualifikation, sondern viel mehr um ein Bedürfnis nach Orientierung. Und gerade dieses vertikale Bedürfnis nach Orientierung, ist für Horizontale ein fremdartiges Verhalten, dass ganz viele Frauen abschreckt und sie darüberhinaus zu dem Glauben verleitet, sie müssten noch mehr Können, noch mehr Ausbildungen und Leistungsausweise gegenüber diesen Männern vorweisen, die da oben das Sagen haben. 

Nein. Das müssen sie nicht. Es reicht völlig, was Frauen schon jetzt drauf haben. Statistisch soll es ja ohnehin schon belegt sein, hat die Frau im Kommentarfeld geschrieben.

Nur jene Frauen brauchen mehr Mut und Zutrauen, die diesen irrsinnigen Glaubenssatz vertreten und aufrecht erhalten wollen, dass vertikale männliche Führungskräfte mehr können als Frauen, ihnen fachlich überlegen sind und alleine nur deswegen in dieser Position sind, weil sie als Männer Jäger sind und von der Natur dazu bestimmt wurden. 

Jene Frauen jedoch, die früh gelernt haben, zweisprachig – vertikal und horizontal – unterwegs zu sein, erkennen sehr schnell, was zu tun ist, wenn Fledermäuse mal wieder im Kreis fliegen und von irgendwo her ein «PÄNG, PÄNG, PÄNG» zu hören ist.

 

 

 

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