Vorbereitung ist die halbe Miete – oder: der halbe Untergang

Wenn ich für ein Seminar gebucht oder zu einem Vortrag eingeladen werde, dann will ich nichts dem Zufall überlassen. Ich mache meine Hausaufgaben. Ich bereite mich gewissenhaft vor.

Doch Gewissenhaftigkeit ist eines dieser trügerischen Worte, die wir oft hören. Tatsächlich leiern viele das Mantra der Gewissenhaftigkeit bloss vor sich her. Sie heften sich dieses Wort wie einen Orden auf die Brust und schwadronieren damit wie ein General auf einer Parade. 

Ohne jeden Zweifel: Gewissenhaftigkeit hat sicherlich seine guten und unverzichtbaren Seiten. Aber sie darf nicht nur als eine Auszeichnung im Sinne einer besonderen Charakterstärke verstanden werden. Weil sie in vielen Fällen lediglich ein Beleg für fehlendes (Selbst-) Vertrauen ist, das genährt wird durch die Angst des Scheiterns. Die Angst, nicht genug zu sein. Die Angst, nicht der oder die Richtige für eine bestimme Aufgabe zu sein. Die Angst, dass man etwas nicht verdient hat und an einem Hochstapler-Syndrom leidet. Die Angst, die notwendige Leistung zum richtigen Zeitpunkt nicht abrufen zu können.

Hier ist Gewissenhaftigkeit ein Trostpflaster, um diese Angst vor sich selbst zu kaschieren. 

Ich bin ein gewissenhafter Mensch. Doch auch ich habe in vielen Fällen mit meiner Gewissenhaftigkeit und intensiver Vorbereitung bloss versucht, meine eigenen Versagensängste in den Griff zu bekommen.

Und wenn es um Vorbereitung geht, so bin ich insbesondere von Profi-Schauspielern beeindruckt, wie sich diese auf ihre Rolle vorbereiten. Aber gerade bei Schauspielern stellt man allerdings schnell fest, dass zwischen Hingabe und Übertreibung oftmals ein schmaler Grat geht. Einige dieser Schauspieler überschreiten nicht selten so manche «vernünftige» Grenzen, um sich in ihre jeweilige Rolle hineinzuversetzen und ihr gewachsen zu sein.

So zum Beispiel der Schauspieler Shia La Boeuf, der im Film «Fury» sich – zum Missfallen seiner Schauspielkollegen – wochenlang nicht geduscht haben soll und in einem Panzer geschlafen hat, um seine Rolle möglichst authentisch spielen zu können. Oder Matthew McConaughey, der in «Dallas Byuers Club» einen Aidskranken spielt und sich für die Rolle 17 Kilo runtergehungert hat. Womit er tatsächlich schon halbtod aussah. Oder auch wie Daniel Day Lewis, einer der besten Schauspieler unserer Zeit, der im Film «My Left Foot», in der Rolle des gelähmten Iren, Christy Brown, während der gesamten Dreharbeiten darauf bestand, im Rollstuhl sitzen zu bleiben und sich von anderen während der Mahlzeiten füttern zu lassen.

Hingabe oder Wahnsinn?

Klar, an dieser Stelle ist man geneigt einzuwenden und zu sagen, dass die schauspielerische Leistung und der Erfolg dieser erwähnten Beispiele für sich sprechen. Und dass vielleicht eben gerade dank unvernünftiger und hingebungsvoller Vorbereitungsarbeit.

Das wäre sicherlich ein überzeugendes Argument, wenn es denn nicht auch die Antithese dazu gäbe: Ebenso leistungsstarke und erfolgreiche Menschen, ob Schauspieler oder eine andere Gilde, die vom Gegenteil überzeugt sind, nämlich: dass weniger viel mehr ist.

Und da ich gerade von Schauspielern spreche. 1976 spielten die beiden Superstars Dustin Hoffman und Laurence Olivier gemeinsam im Film «The Marathon Man». Dustin Hoffman hatte eine sehr erschöpfende Szene vor sich, wo seine Figur drei ganze Tage nicht geschlafen hatte. Und der damals noch junge Hoffman sagte zum älteren und viel erfahrenen Laurence Olivier, dass auch er als Vorbereitung für die Szene drei ganze Tage nicht geschlafen habe. Woraufhin Olivier kopfschüttelnd zu Hoffman gesagt haben soll: «Warum versuchst Du es nicht einfach mit schauspielern?»

Vorbereitung ist keine Garantie für Erfolg. Aber ohne Vorbereitung ist Erfolg eher unwahrscheinlich. Jeder Profi, egal in welcher Disziplin, wird sich daher zwangsläufig einer gewissen Vorbereitungsphase widmen.

Aber die Frage sei erlaubt: Wann ist genug genug?

Vorbereitung ist eher etwas Kopflastiges. Bei Gewissenhaftigkeit und Vorbereitung geht es auch immer um Kontrolle. Wir wollen möglichst viel unter Kontrolle haben. Wir glauben, mehr Vorbereitung bedeute automatisch auch mehr Kontrolle. Wir kompensieren unsere Angst mit der Illusion der Kontrolle. Das kann auch seinen Preis fordern.

Übertreibt man es mit der Vorbereitung, so kann man dabei etwas sehr Wertvolles verlieren. Der Preis, den man bezahlt, ist das Vertrauen in sich zu besitzen, im entscheidenden Moment, spontan und intuitiv das Richtige zu tun – was immer das sein mag. Dadurch erlauben wir uns nicht, offen zu bleiben für die unkontrollierbare Energie des Augenblickes. Das betrifft die Menschen um uns herum, ihre Geschichten, Sorgen, Ängste und Bedürfnisse, die Räumlichkeiten und Gegenstände und das gesamte Umfeld der Situation, die allesamt immer Mitgestalter dessen sind, was man nicht kontrollieren kann.

Und so fällt man schnell der Spirale zum Opfer, dass man dieses und jenes noch vorbereiten muss. Dass man sich auf diese und jene Situation einstellen muss, etc. etc. etc. 

John Reed, Autor des Buches «Succeeding», sagte sinngemäss etwa folgendes: Wenn du dich in ein neues Gebiet einarbeitest, so hast du schnell mal das Gefühl, dass du dir zig Millionen Dinge merken musst. Doch das stimmt nicht. Was du tun musst, ist die Kernprinzipien identifizieren, die dieses Gebiet bestimmen und beherrschen. In der Regel sind das vielleicht 3 bis maximal 12 Prinzipien. Und all die zig Millionen Dinge, von denen du glaubtest, dir merken zu müssen, sind lediglich unterschiedliche Kombinationen dieser wenigen Kernprinzipien.

Gedanken, Ideen und Vorstellungen isoliert zu betrachten, ohne den Baumstamm zu berücksichtigen, aus denen sie entstammt sind, vermittelt uns tatsächlich eine verzerrte Sicht der Dinge. Das hat oftmals zur Folge, dass wir vieles komplexer machen, als es tatsächlich ist. Wir verschwenden Energie auf Dinge, die nicht wirklich nötig sind und bereiten uns auf viele Dinge vor, die wir gar nicht kontrollieren können. 

Seit auch ich diesen Grundsatz für mich entdeckt habe, versuche ich es mit der Vorbereitung nicht mehr zu übertreiben. Ich bleibe dennoch gewissenhaft, in dem ich mich mit den Kernprinzipien eines bestimmten Themas auseinandersetze und darauf vertraue, im richtigen Moment, die richtige Antwort parat zu haben und ebenso das Richtige zu tun. Vor allem aber, mich vom unkontrollierbaren Augenblick der Situation überraschen zu lassen.

Denn das Unkontrollierbare spielt uns oftmals weitaus mehr in die Hände, als dass es sich gegen uns stellt.

Der bereits erwähnte und umstrittene Schauspieler, Shia La Boeuf, hat sich gerade diese Woche in einem sehr ausführlichen und offenen Interview zu seinem letzten Film «Padre Pio» geäussert. Darin zeigt er sich sehr reflektiert und bringt klar zum Ausdruck, dass all diese übertriebenen und besessenen Vorbereitungen auf seine vergangenen Rollen, aus einer rein egozentrischen und defizitären Haltung aus geschahen. Ständig von der Angst getrieben, nicht gut genug zu sein und es nicht verdient zu haben, diese oder jene Rolle zu besetzen.

Mittlerweile geht auch er es viel entspannter an. Ja, natürlich, er bereitet sich weiterhin gewissenhaft auf seine Rollen vor. Aber jetzt ohne es zu übertreiben. Er lässt viel mehr Raum zu, wodurch er sich nun neuen Möglichkeiten öffnet, in entscheidenden Momenten sich überraschen zu lassen, wohin ihn die Intuition seiner Rolle führen wird.

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