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Liebe Frauen, es ist nichts Persönliches.

Oct 17, 2021

Eine Kundin – nennen wir sie Rebecca – ist traumatisiert.

Als die Geschäftsleitung ihrer Firma zum regelmässigen Abteilungsleiter–Meeting aufruft, blickt sie als einzige Frau in eine Männerrunde. 


Das Trauma.

Rebecca ist noch nicht so lange in dieser Firma beschäftigt.

Endlich hat sie die Chance bekommen, als Abteilungsleiterin in einer neuen Firma zu zeigen, was sie drauf hat. Dementsprechend hat sie sich auch auf dieses Meeting vorbereitet.

In der Sitzung werden Zahlen, Projekte, Probleme und Ziele besprochen. Doch als Rebecca ihre Ideen zu einem laufenden Projekt präsentiert, wird sie auf einmal von einem Kollegen aus der Runde unterbrochen und angerempelt:

«Das klappt nicht! Ihre Vorgänger haben das schon versucht.»

Rebecca ist sichtlich überrascht. Sie weiss im ersten Moment gar nicht was sagen. Sie spürt die Augen der Beteiligten auf sich gerichtet. Eine solch dreiste Art kannte sie bisher nicht. Da wo sie herkam, hat man die Leute erst einmal ausreden lassen und ihnen ein wenig Wertschätzung entgegengebracht.

Sie reisst sich zusammen. Sie verteidigt nun ihre Ideen und baut eine sehr überzeugende Argumentationskette auf. Damit zeigt sie klar, dass sie ihre Hausaufgaben gemacht hat. 

Doch der Kollege – Herr Müller – gibt nichts auf ihre Argumentation. Er grinst sie weiterhin nur blöd an und schüttelt despektierlich den Kopf:

«Sie wissen nicht, wovon Sie reden.»

Rebecca fühlt sich mehr und mehr gelähmt und in die Enge getrieben. Sie sieht sich genötigt, ihre Überlegungen weiter zu vertiefen. Sie will beweisen, dass sie weiss, wovon sie spricht. Sie liefert ein leidenschaftliches Plädoyer, weshalb ihre Strategie funktionieren wird.

Und während sie weiter ausführt, blickt sie in die Gesichter der anderen anwesenden Männer, die diese Situation anscheinend als eher lustig empfinden. Rebecca fühlt sich in diesem Moment alleine gelassen.

Wie jemand, der auf offenem Gewässer am Ertrinken ist, schlägt sie mit ihrer Argumentation hilflos um sich, verzweifelnd nach einem Stück Treibholz ringend, dass sie über Wasser hält.


Wenn zwei Fremdsprachen miteinander reden.

Rebecca hat getan, was jeder fachkundige und horizontal kommunizierende Mensch tun würde. Sie hat sich erklärt. Sie hat immer mehr und mehr Argumente in die Waagschale gelegt.

Wie so viele andere horizontal Kommunizierende erlag auch sie dem Trugschluss, dass je mehr Gründe sie für eine Sache vorlegt, desto überzeugender das doch sein müsste.

Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Je mehr sie in einer solchen Situation sagt, desto mehr Widerstände bauen sich auf. Je mehr sie argumentativ auf jemanden wie Müller eingeht, desto mehr füttert sie das Oppositionsritual.

Rebecca ist in die Falle einer Killerphrase geraten, aus der sie sich nicht herauszuhelfen weiss.

Ihr Schicksal ist keine Ausnahme.

Sie selber sieht sich als Opfer. Sie fühlt sich persönlich angegriffen, vor allem weil sie eine Frau ist. Wäre sie ein Mann gewesen, so glaubt sie zumindest, hätte man sie anders behandelt.

Kleine Rempeleien wie diese, sind in der Geschäftswelt an der Tagesordnung. Und so beschränkt ein solches Verhalten vielleicht erscheinen mag, unter Männern ist es völlig normal.


Kleine Rempler der Freundschaft.

Es gibt ein sehr schmerzhaftes Erlebnis, das fast jeder Mann in seiner Jugendzeit schon mal erlebt hat. Das hilft uns besser zu verstehen, wie sich vertikal Kommunizierende in Gruppen fühlen und verhalten.

Manchmal passierte es im Turnunterricht, meistens jedoch gleich nach der Schule. Dann nämlich, wenn man sich zum Fussballspielen traf.

Es wurden Mannschaften gewählt. Einer nach dem anderen ging zu seinem Team. Und dann geschah es: Man selbst blieb noch übrig.

Was für eine Demütigung. Welch elendes Gefühl, als einziger nicht gewählt worden zu sein.

Den Jungs geht es dabei in erster Linie gar nicht mal darum, der Anführer der Mannschaft zu sein. Und als Letzter gerade noch in die Mannschaft gewählt zu werden, ist auch nicht so tragisch. Das Allerwichtigste ist, überhaupt eine Rolle in einer Mannschaft zu haben. Das wirklich Schlimmste für einen jungen Mann ist es, keinerlei Platz in der Gruppe zu bekommen.

Und in betrieblichen Organisationen verhält es sich auch nicht viel anders. Genau in diesem Sinne nämlich, empfinden es dort vertikal orientierte Menschen als durchaus wohltuend, wenn die Machtpositionen geklärt sind. Wenn die Reviere aufgeteilt und die Zuständigkeiten klar geregelt sind.

Nichts ist für vertikal kommunizierende Menschen schlimmer als formal ausgewiesene Führungspositionen, die nicht ausgefüllt werden oder deren politischen Charakter geleugnet wird. Ein solcher Zustand führt bei solchen Leuten nur zu Unzufriedenheit und zu einem orientierungslosem Stress. 

Und gerade weil es für das persönliche Wohlbefinden so wichtig ist, die eigene hierarchische Position in einer Gruppe zu kennen, beschäftigen sich auch so viele Männer permanent mit Rivalitätsspielen.

Trotz allem Anschein haben solche Rempeleien fast etwas Kameradschaftliches. Es ist eine Form von Feedback-Schlaufe, bei dem man sich regelmässig innerhalb der Gruppe vergewissert, ob Rang und Revier noch immer richtig verteilt sind, bleibt das ungeklärt, entsteht Verunsicherung.

Diese freundschaftlichen Rempeleien beginnen schon früh im Leben eines Mannes. Das kennt jeder Junge, der im gleichen Haushalt mit Brüdern aufgewachsen ist. Unmittelbar nach dem Aufstehen geht es schon los: Wer darf zuerst ans Waschbecken? Wer kann als erster die Nutella auf’s Brot streichen? Wer kriegt das letzte Brötchen? Das geht dann so lustig den ganzen Tag weiter. Auf dem Schulweg, dem Pausenplatz, vor dem Klassenzimmer, im Klassenzimmer, in der Garderobe beim Turnen, beim Fussballspielen und so weiter und so fort.

Mit zunehmendem Alter entwickelt sich zwar der Wortschatz weiter, das Rivalitätsritual bleibt jedoch bis in Erwachsenenalter im Kern noch immer unverändert gleich.

Vielen Leuten, die vertikal kommunizieren, fällt es gar nicht mehr auf, dass sie an solchen Rivalitätsspielen teilnehmen, weil diese so selbstverständlich zu ihrem Tagesablauf gehören.

Konfrontiert man sie zu einem späteren Zeitpunkt mit einer solchen Situation, bzw.  man spricht diese «Rempelei» vielleicht zwei Tage später an, dann können sich diese Leute in den meisten Fällen kaum noch daran erinnern, wovon die Rede ist.


Rebecca, die «Neue».

Rebecca hatte sich wirklich sehr gut auf dieses Meeting vorbereitet. Ihr Fachwissen lässt nichts zu wünschen übrig und ihre Argumentation war hieb- und stichfest.

Was sie in ihrer Vorbereitung jedoch völlig ausser Acht gelassen hatte, war, sich mit ihrer Rolle als neue Abteilungsleiterin auseinanderzusetzen und dem politischen Gewicht, das damit verbunden ist.

Redet man mit Menschen, die horizontal kommunizieren, über diese Rivalitätsspiele, dann finden sie sie ziemlich anstrengend. Auch Rebecca erging es so, als ich ihr erklärte, worin der besondere Unterschied dieser beiden Sprachsysteme – horizontal und vertikal – besteht.

Für jemanden wie Rebecca sind solche Rivalitätsspiele tatsächlich nur Nebensächlichkeiten – ein idiotisches und beschränktes Hintergrundrauschen. Schliesslich gehe es ja um die Sache. Dieser ganze Kinderkram um Rang- und Machtspiele sind ihr einfach nur zu blöd.

Doch genau diese Haltung hat ihr letzten Endes diese schmerzhafte und persönliche Niederlage mit Müller eingebracht und dem damit verbundenen Trauma, das ihr noch immer zu schaffen bereitet.

Doch das ist noch nicht alles. Es kommt noch schlimmer.

Denn alle anderen vertikalen Vertreter, die in diesem Meeting anwesend waren, haben nun diese Botschaft mitbekommen und werden diese jetzt entsprechend weiterverbreiten. Eine bittere Tatsache, deren Tragweite Rebecca erst jetzt so langsam zu realisieren beginnt.

Manche Männer beziehen aus solchen Rivalitätsspielen ein gewisses Selbstwertgefühl und haben sogar Vergnügen daran, ihre jeweilige Position in der Gruppe auf diese Weise immer wieder spielerisch durchzutesten. Für Männer wie dieser Müller, ist ein solches Verhalten nicht einmal ansatzweise belastend. Im Gegenteil, Typen wie dieser Müller würde sogar etwas Entscheidendes fehlen, wenn sie diese Spielchen nicht mehr spielen könnten.

Und wenn ein solches Spiel doch so viel Spass macht, warum sollte man(n) damit aufhören? 


Es nichts Persönliches, es ist «nur» ein Spiel.

Von Klientinnen wie Rebecca höre ich immer wieder, dass sie solche Angriffe als existenzielle Bedrohung empfinden.

Doch bei aller empfundenen Bedrohung, eines muss man sich dabei immer wieder vergegenwärtigen und klar bewusst machen: Es ist tatsächlich meistens nur ein Spiel.

Für eine Frau wird es nämlich erst dann so richtig anstrengend, wenn sie diese Tatsache vergisst. Wenn sie vergisst, dass es nur ein Spiel ist. Selbst dann, wenn man sich dafür zu schade ist und ein solches Verhalten intellektuell unter der eigenen Würde empfindet.

Was Rebecca von Anfang an unterschätzt hatte, war die Tatsache, dass sie in diesem Betrieb noch immer als Fremde galt. Eine Person, deren Rang, Zuständigkeit und Revier zu wenig geklärt war und gerade deshalb bei dem einen oder anderen anwesenden Vertikalen zum desorientierten Stress führte.


Wenn du kompetent genug bist für eine Position, dann fordere sie ein.

Rebecca ist jetzt für das nächste Meeting besser vorbereitet. Nicht nur fachlich, sondern vor allem auch politisch. Sie hat sich das nötige Werkzeug angeeignet und weiss, was zu tun ist, falls Müller oder andere seines Schlages auf arrogante Weise sie in die Bredouille bringen wollen.

Einfach wird es für sie aber dennoch nicht werden. Denn trotz ihres erworbenen Handwerks, muss sie erst noch lernen, den Hebel im entscheidenden Moment umzuschalten und diese für sie noch ungewohnte vertikale «Fremdsprache» auszuhalten.

Aber wenn sie sich einmal überwinden kann, so wird es ihr mit jedem Mal leichter fallen, sich in solchen Situationen zu behaupten und durchzusetzen. Und erst danach, kann sie wieder den Heben zurückstellen und auf ihr eigenes, für sie gewohntes Sprachsystem zurückgreifen und ihre volle Argumentationsfähigkeit entfalten lassen.

Was anfänglich noch als existenzielle Bedrohung wahrgenommen wurde, wird dann auch für jemanden wie Rebecca mehr und mehr zu einem Spiel werden, auf das man sich jederzeit einstellen kann, wenn die Situation es erfordert.

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