Im Zweifel folge dem Fluss

Jun 08, 2022

Wer oft unzufrieden oder frustriert ist, sollte sein Leben ändern. Das gilt insbesondere dann, wenn es um den Job geht, der einen grossen Teil unserer Lebenszeit beansprucht. Es stellt sich aber heraus, was so einfach und logisch klingt, gar nicht so einfach zu sein scheint. Warum nur?

Manche Fragen sind einfacher zu beantworten als andere. Klar ist: Ohne Kohle geht nichts. Darüber sind wir uns wahrscheinlich alle einig. Geld ist eine Qual, solange man darüber nachdenken muss. Ist jedoch ein gewisses Einkommen für den Lebensunterhalt gesichert, spielen andere Motive die Hauptrolle unserer Zufriedenheit. Anfangs ist man froh, wenn man überhaupt einen Job hat. Danach aber sehnt man sich nach einer Aufgabe, die einen glücklich macht.

Es sind jedoch nur wenige, die tatsächlich in ihrem Job glücklich sind. Schliesslich wissen wir nicht immer, was wir wollen. Und das, was wir wollen, kann plötzlich etwas anderes sein. Dazu kommt, dass Gewohnheiten, Alltagsstress und Sorgen es uns manchmal erschweren, einen klaren Gedanken zu finden. Das wiederum verzerrt die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und vernebelt langsam aber sicher unsere Träume.

Wir sind alle alt genug, um zu wissen, wie es läuft: Manchmal machst du alles richtig im Leben und trotzdem geht’s schief. Und manchmal machst du alles falsch, und siehe da: Jackpot. Lassen wir uns also nicht täuschen: Auch Genies brauchen von Zeit zu Zeit ein bisschen Glück.

Mir sind in meinem Leben bisher zwei Arten von Menschen begegnet. Solche, die eine glasklare Vision haben und unerschütterlich ihre ganze Lebensenergie dafür investieren, diese Vision zu verwirklichen. Und dann solche Menschen, die keinen blassen Schimmer haben, was sie wollen, geschweige denn, in welche Richtung sie sich bewegen sollen. Die einen kommen nicht in die Ruhe, die anderen nicht in Bewegung. Welche der beiden Kategorien vorteilhafter ist, um ein zufriedeneres Leben zu führen, dass kann jeder für sich selbst entscheiden. Heraklit meint: «Alles bewegt sich, alles fliesst.» Parmenides ist da anderer Ansicht: «Nichts bewegt sich, alles ist eins.» Es erscheint mir unsinnig darüber diskutieren zu wollen, wer von beiden recht hat, wer von den beiden Kategorien besser da steht. Das eine schliesst das andere nicht aus.

Und gerade deshalb gibt es doch noch eine dritte Kategorie von Menschen, die mir in meinem Leben begegnet ist. Das sind solche, die eine Vision haben, die aber mit ganz vielen Ermüdungserscheinungen, Selbstzweifel und Ängsten zu kämpfen haben, so dass die Seele zwischendurch kotzen könnte. Und zu denen zähle ich mich.

Alle drei Kategorien von diesen Menschen haben jedoch eines gemeinsam. Was immer sie beschäftig, was immer sie tun, wie auch immer sie ihren Lebensunterhalt verdienen: Alle streben nach Selbstbestimmung.

Selbstbestimmung verlangt aber immer nach einem Sinn. Selbstbestimmung bedeutet, wie es das Wort sagt, über das Selbst in seinem Leben zu bestimmen und zu entscheiden. Aber es ist schwierig «gute», «sinnvolle» Entscheidungen zu treffen, wenn man keine Werte hat, die einen führen und auch einen Sinn nähren. Ohne einen Sinn wird Arbeit, ja für manch einen sogar das Leben selbst, zur Leidenszeit. Wer sein Leben also mitgestalten will, der sollte für klare Sicht sorgen.

Und doch: Was soll man tun, wenn man keine Visionen hat, wenn diese klare Sicht nicht vorhanden ist. Wem soll man folgen, wenn man völlig orientierungslos ist?

Da der liebe Gott wahrscheinlich gewusst hat, dass wir Menschen grundsätzlich nicht über alle Zweifel erhaben sind, hat er uns die Gabe der Freude gegeben. In der guten Hoffnung, dass wir im Zweifel, wenn wir uns im Dschungel unserer alltäglichen Verstrickungen verlaufen, einfach dem folgen, was uns Freude bereitet. Damit – falls es tatsächlich einen Sinn gibt – dieser uns selber finden kann, wenn er uns denn wirklich braucht.

Mit anderen Worten: Folge dem Fluss. Folge dem Fluss Deiner Freude. Dann wirst Du nach einer gewissen Zeit ganz bestimmt in ein grösseres Gewässer fliessen.

Egal in welche der drei Kategorien du gehörst. Die Spielregeln sind für alle die gleichen. Du kannst nicht ins Ziel einlaufen, ohne den Weg bestritten zu haben. Du kannst nicht in dein Haus einziehen, ohne es zuerst gebaut zu haben. Du kannst Dich nicht an den Tisch setzen, ohne zuvor das Essen besorgt und es zubereitet zu haben.

Wo auch immer Du Dich auf Deinem Pfad befinden magst, welchem Fluss der Freude du auch folgst, eines solltest Du Dir stets vor Augen halten: Den edlen Menschen erkennst Du nicht daran, welche Arbeit er verrichtet, sondern einzig und alleine mit welcher Haltung er sich an die Arbeit macht.

 

 

 

 

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